Kiezgeschichten

Weihnachtsbräuche von HOWOGE-Mietern
Nov 2016

Wisst ihr noch im letzten Jahr ...?
Weihnachtsbräuche von HOWOGE-Mietern

Handwerk wie in der Heimat

Christine und Rudolf Meyer pflegen traditionelle Handwerkskünste aus ihrer Heimat, dem Erzgebirge.

Herr Meyer

Auf Zehenspitzen zündet Rudolf Meyer die Kerzen auf der riesigen Weihnachtspyramide an, die von der Decke hängt. Ihre hölzernen Seiten werden von Kerzenschein durchflutet, die Flügel an der Spitze setzen sich im warmen Luftstrom in Bewegung. Die Pyramidenseiten zeigen Bergmänner in Tracht. „Licht“, erklärt Rudolf Meyer, „hatte für die Bergmänner im Erzgebirge immer eine besondere Bedeutung.“ Der 81-Jährige wuchs in der Region Aue-Schwarzenberg auf. In den 70er-Jahren zog er nach Alt-Hohenschönhausen in die Anna-Ebermann- Straße. Die Liebe zu Laubsäge- und Drechselarbeiten hat ihm der Großvater mitgegeben. „Bei uns in der Familie haben alle die Hände bewegt“, sagt Rudolf Meyer, der als Werkzeugmacher gearbeitet hat.

Herr Meyer an der Laubsäge
Herr Meyer an der Laubsäge

In einer winzigen Werkstatt im Keller fertigt er an zwei Werkbänken und mit der Drechselmaschine Weihnachtspyramiden, Schwibbögen und Lichterbögen. „Schon im Sommer muss ich an die Adventszeit denken“, sagt der Senior. Dann beginnt er, Holzplatten nach Vorlagen zu sägen und zu brennen. Andere Holzrohlinge werden gedrechselt und geschnitzt. Auch seine Frau Christine Meyer ist im Erzgebirge aufgewachsen und pflegt die traditionelle Handarbeit: Sie liebt das Klöppeln. „Das ist eine ganz feine Arbeit. Ich habe es schon mit neun Jahren in einer eigenen Klöppelschule gelernt“, sagt sie und zeigt auf den Klöppelständer. Auf ein Kissen ist eine halb fertige Arbeit gesteckt.

Frau Meyer beim Klöppeln
Das Klöppelkissen von Frau Meyer

Das Garn ist mit winzigen Nägeln auf eine Vorlage gespannt und schon gut zur Hälfte zur kunstvollen Spitze geflochten. Hölzerne Spindel – die Klöppel – hängen an den Fäden zur Seite herab. Christine Meyer setzt sich, zieht den Klöppelständer an sich heran und knipst das am Ständer befestigte Licht an. Dann nimmt sie die Klöppel in die Finger: „Eine Spitze entsteht Schlag für Schlag“, erklärt sie und lässt die Klöppel so geschickt zwischen den Fingern gleiten, wie das wohl nur eine Klöpplerin aus dem Erzgebirge kann. So in die Arbeit vertieft ist nur das Klappern der hölzernen Spindel in ihren Händen zu hören. Später wird die fertige Spitze in einem Rahmen aufgezogen. Auf diese Weise entstehen zarte Fensterbilder, Teelichter und sogar Schmuck. Die Rahmen für ihre kunstvollen Spitzen stellt häufig ihr Mann mit der Laubsäge her. So arbeitet das Ehepaar gemeinsam seit 58 Jahren. Am liebsten verschenken sie ihre Kunstwerke, deren Wert wohl kaum in Geld zu bemessen ist. „Wir verschenken es an Menschen, die diese Kunst zu schätzen wissen“, sagt Christine Meyer.


Zeit als Geschenk

Weihnachten ist die Zeit der Familie – oder für die Nachbarin. Marina Seikel schenkt ihre Zeit Menschen, die Hilfe brauchen.

Marina Seikel und Monika Böttcher
Marina Seikel (li.) schenkt Monika Böttcher ihre Zeit. In diesen Tagen basteln die beiden Adventskarten

Die Adventszeit verbringen viele Berliner in Läden und Shopping- Meilen, um passende Präsente zu finden. Marina Seikel hat schon ein wertvolles Geschenk gefunden: ihre Zeit. Vermittelt von der Kontaktstelle „PflegeEngagement Lichtenberg" besucht die 61-Jährige als ehrenamtliche „Zeitschenkerin“ alleinstehende Menschen. „Es geht einfach darum, miteinander zu sprechen, mal spazieren zu gehen“, berichtet Marina Seikel. So hat sie Monika Böttcher kennengelernt: „Wir waren uns sofort sympathisch.“ Derzeit basteln die beiden Weihnachtskarten. Mit einer Schere schneidet Monika Böttcher Papierblüten aus. Da ist Geduld gefragt: „Ich bin sonst kein geschickter Mensch. Aber wenn ich eine Aufgabe habe, dann will ich das schaffen“, sagt sie und lacht.

Eine gebastelte Weihnachtskarte

Jeden Mittwoch wird ihr Wohnzimmer in der Falkenberger Chaussee zur Bastelstube. „Das bringt viel Abwechslung in meinen Alltag“, sagt sie. Eine Krankheit setzt der Rentnerin zu, sie verlässt nur selten die Wohnung: „Freundschaften zu pflegen ist da kaum möglich.“ Deshalb nimmt sich Marina Seikel die im Vorweihnachtstrubel oft knappe Zeit und kommt zu Besuch. „Die Hilfe ist beiderseitig“, betont sie. „Auch ich komme so in ganz unterschiedliche Gesellschaft.“


Milch und Kekse

Von Franziska Buhrz bekommt der Weihnachtsmann jedes Jahr eine Portion Kekse – und ein Glas Milch.

An jedem Adventswochenende backt Franziska Buhrz aus Alt-Hohenschönhausen mit ihren beiden Kindern Plätzchen: Vanillekipferl, Mürbeteigkekse und Nusstaler. „Die esse ich am liebsten“, sagt die gelernte Köchin, „weil da eine ganze Haselnuss eingebacken ist.“ Dazu läuft Weihnachtsmusik, besonders oft „Do They Know It’s Christmas?“, der berühmte Song von Band Aid zugunsten von Äthiopien. „Das Original von 1984 höre ich immer noch am liebsten“, sagt Franziska Buhrz. So geht das Backen schnell voran. Es gilt, einige Keksdosen zu füllen: nicht nur für die große Familienrunde mit Schwestern, Tanten, Cousins und Cousinen, die bei Franziskas Vater zusammenkommt, auch der Weihnachtsmann bekommt eine Portion Kekse – und ein Glas Milch.

Milch und Kekse

„Den Brauch kennen wir aus den ,Santa Clause‘-Filmen“, erzählt die 30-Jährige. Die habe ich schon als Kind total gerne gesehen. Die Idee, dem Weihnachtsmann eine Stärkung zu servieren, fanden wir putzig.“ In den drei gleichnamigen Disney-Filmen komme gut rüber, was Weihnachten ausmache, sagt Franziska Buhrz: „Es ist so schön, zu sehen, wie Kinderaugen leuchten, wenn der Weihnachtsmann kommt. Es gibt schon genug Leid auf der Welt, da sollen sich meine Kinder diesen schönen Glauben bewahren, solange es geht.“


Echte Handarbeit

Den Weihnachtsstern hat Christine Meyer geklöppelt, den Rahmen hat ihr Mann gemacht.

Ehepaar Meyer

Stille Nacht, stürmische Nacht

HOWOGE-Facebook-Redakteurin Tina Haake feiert an der Ostsee. Dort ist es wenigstens richtig kalt!

Lasst mich ein Ihr Kinder, ist so kalt der Winter“, heißt es in einem Weihnachtslied. Für Berlin gilt das nicht. „Hier ist es im Dezember oft 15 Grad warm“, stellt Tina Haake fest. „Mit Weihnachten verbinde ich einen kalten, stürmischen Ort, wo man den Winter spürt.“ Deshalb fährt die 30-Jährige über die Feiertage an die Ostsee. Jedes Jahr mit dabei: ihre Eltern und die beiden Omas. Am Weihnachtsabend würfeln alle um winzige Überraschungen. Nur Kleinigkeiten sind erlaubt. „Sonst schenken wir uns nichts“, sagt Tina Haake. „Wichtig ist, dass wir als Familie Zeit zusammen verbringen.“ Ein Strandspaziergang täglich ist das Mindeste. „Einmal waren wir in Südspanien“, erzählt Tina Haake. „Es war total kurios, bei Hitze in Badeschlappen über den Weihnachtsmarkt zu schlendern.“ Ihr Fazit: „Wir sind einfach von der kühleren Fraktion.“


Heimlich schmücken

Die Wals überraschen ihre Kinder am Weihnachtsmorgen mit einem festlich geschmückten Baum.

Der Weihnachtsbaum steht im Keller bereit. Am 23. Dezember, spätabends, schleppen ihn Annelie Wal (33) und ihr Mann Armin (32) in die Wohnung – ganz leise. Anton (8) und Adele (5) dürfen nichts hören. „Mein Mann stellt ihn auf dem Balkon in den Ständer, damit wir die Kinder nicht wecken“, berichtet Annelie Wal. Lautlos schmücken die beiden den Baum mit gold- und lilafarbenen Kugeln, Lametta glitzert in Gold. „Zum Schluss verteilen wir Engelshaar in der Wohnung“, erzählt die Personalsachbearbeiterin. Am nächsten Morgen stehen die Kinder jedes Jahr extra früh auf, weil sie ahnen, was in der Nacht passiert ist. „Sie sind schon um sechs hellwach vor Vorfreude“, sagt Annelie Wal. Anton und Adele laufen ins Wohnzimmer, entdecken den Baum, stürzen ins Elternschlafzimmer und rufen: „Das Christkind war schon da!“ Die Überraschung zum Weihnachtsmorgen kennt Annelie Wal von früher. Nun überrascht sie ihre Kinder: „Die haben genug Stress mit der Schule. Zu sehen, wie die Kinder an Weihnachten noch einmal mehr in die Fantasiewelt abtauchen, ist mit das Schönste an dem Fest. Wir Erwachsene können das ja leider nicht mehr so gut.“

Frau schmückt Weihnachtsbaum