Kiezgeschichten

Deutschland, meine Lieblingsheimat

Deutschland, meine Lieblingsheimat

Sana ist erst elf, nimmt aber zu Hause alle wichtigen Anrufe entgegen – weil sie fließend Deutsch spricht. Zu Besuch bei Familie Qasmi aus Afghanistan.

Im Handyzeitalter ist man es gewohnt, gleich den Richtigen zu erreichen. Bei Familie Qasmi aus Hohenschönhausen wird man verbunden: „Einen Moment“, sagt Kefayatullah Qasmi (38) und reicht das Telefon weiter an seine Tochter Sana. Die ist erst elf, aber praktisch die Außenministerin der Familie, die Anlaufstelle für Anrufe aus dem HOWOGE-Kundenzentrum genauso wie für Nachfragen der Arztpraxis. „Manche Erwachsene denken, dass ich einen Spaß mache“, erzählt Sana. Dann reicht sie das Telefon zurück, und ihr Vater wirbt um Verständnis. „Ich verstehe schon gut“, formuliert Kefayatullah Qasmi langsam, „aber selbst sprechen ist schwierig.“ Sana spricht Deutsch schon so fließend wie ihre Muttersprache Dari. Vor drei Jahren ist sie aus dem afghanischen Kabul nach Deutschland gekommen – zusammen mit ihrem Vater, Mutter Basira (34) und dem achtjährigen Bruder Farhatullah, den alle „Faru“ nennen. Anfang 2015 fand die Familie eine HOWOGE-Wohnung in Hohenschönhausen. Als gute Übersetzerin weiß Sana: Wenn ein Wort fehlt, muss man nachhaken. Das hat sie in der Randowschule gelernt. „Manchmal traue ich mich trotzdem nicht zu fragen“, gesteht sie. Zuletzt bei einem Test über Säugetiere: „Deshalb habe ich weniger Punkte gekriegt. Aber es war trotzdem noch eine Zwei.“ Sana liebt es zu rechnen. Aber seit Geometrie auf dem Stundenplan steht, gefällt ihr Mathe nicht mehr so gut. Jetzt ist Deutsch ihr Lieblingsfach – und Sport. Dass Sana in Frieden zur Schule gehen kann, war ein Grund, warum die Familie Qasmi über Indien und Russland nach Berlin gekommen ist. „In Kabul waren wir nur acht Mädchen in der Schule“, erinnert sich Sana. Viele afghanische Eltern wagen es nicht mehr, ihre Töchter zum Unterricht zu schicken. Erst im September gab es wieder mehrere Anschläge auf Mädchenschulen. Hier in Berlin büffelt nun die ganze Familie Qasmi: die Kinder in der Grundschule, die Eltern im Deutschkurs. „Deutsch ist viel schwer“, sagt Basira und lächelt. Der Integrationskurs ist Pflicht für Einwanderer, die in Deutschland arbeiten wollen. Ende Dezember steht die Abschlussprüfung an. Zu Silvester wollen die vier groß feiern. Inzwischen wissen Sana und Faru, warum es dann um Mitternacht so laut knallt. Die Geschwister freuen sich sehr auf diese letzte Nacht des Jahres. Sana hat am 1. Januar Geburtstag. „Das ist cool, weil alle sowieso schon feiern“, sagt sie fröhlich. Faru will sich schminken: „Dann mal ich mir die Fahne von Deutschland ins Gesicht.“ Wie bei einer Fußball-WM. „Wenn Länderspiele sind, dann nehme ich immer Deutschland“, erklärt Faru und lächelt, „das ist meine Lieblingsheimat.“

Wohnungen für Flüchtlinge

Auf dem Wohnungsmarkt ist es auch für Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge schwer geworden, eine Wohnung zu finden. Die sechs städtischen Wohnungsgesellschaften, darunter die HOWOGE, haben sich 2011 verpflichtet, jedes Jahr ein bestimmtes Kontingent aus ihrem Bestand zur Verfügung zu stellen. Von dem Angebot profitieren insbesondere Familien mit Kindern.

Flüchtlinge in Lichtenberg

Zahlen, Fakten und Anlaufstellen

Zahlen

Bis Ende Oktober baten 360.000 Personen um Asyl in Deutschland, davon 21.000 in Berlin. Etwa die Hälfte stammt aus Syrien. Nach der Registrierung werden die Antragsteller gemäß dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Berlin nimmt fünf Prozent der in Deutschland anerkannten Flüchtlinge auf.

Wohnen

In den ersten Monaten nach Ankunft leben die Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften, das erleichtert die Registrierung und die Organisation der Integration. Danach wechseln sie, wenn möglich, in private Wohnungen. Auch das soll die Integration erleichtern.

Notunterkünfte

Um kurzfristig mehr Menschen unterbringen zu können, hat Berlin Containersiedlungen eingerichtet, unter anderem auch am Hausvaterweg in Falkenberg. Die Unterkunft soll zwei Jahre genutzt werden. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales unterstützt umliegende Stadtteilzentren, um die Kommunikation zwischen Anwohnern und Neuankömmlingen zu fördern.

Fragen, helfen, spenden

Ansprechpartnerin für Fragen zum Thema Flüchtlinge im Bezirk Lichtenberg ist Irina Plat:
(030) 90 29 63 596,
irina.plat@remove-this.lichtenberg.berlin.de.
Auf www.lichtenberg-hilft.de erfahren Sie, welche Sachspenden wo benötigt werden.