Kiezgeschichten

Ein Bock als Gärtner
Sep 2016

Landschaftspfleger mit Bart, Hörnern und großem Appetit

In Karlshorst weiden Schafe und Ziegen, um ein besonders artenreiches Stück Natur zu erhalten. Ein Besuch bei den genügsamen Landschaftspflegern auf dem Biesenhorster Sand.

Ziegenbock

Rasenmähen ist eine laute Angelegenheit. Aber nicht auf dem Biesenhorster Sand. Nur ein leises Knuspern ist zu hören, wenn die Landschaftspfleger die Wildwiese zwischen Karlshorst und Biesdorf bearbeiten: Schafe und Ziegen streichen durch das dichte Grün, rupfen einen Grasbüschel nach dem anderen aus und zermahlen ihn langsam zwischen ihren Kiefern. Lediglich zwei schwarzgrau gezottelte Thüringer Landziegen gehen lauter zu Werk: Mit gerecktem Hals erreichen sie die langen Zweige eines Rosenbuschs – jeder Biss ein lautes „Knack“. „Na, Ihr beiden, schmeckt’s?“, fragt Jens Scharon (53) freundlich. Der Ökologe vom Naturschutzbund (NABU) Berlin betreut den Biesenhorster Sand. Die genügsamen Ziegen und Gutelandschafe, die hier gemächlich vor sich hin knuspern, sind seine Verbündeten: Sie helfen den Naturschützern, die Verbuschung des Geländes zu verhindern. „Mitte der 90er-Jahre haben wir mit Pflegeeinsätzen begonnen, um diesen Trockenrasen dauerhaft zu sichern“, erklärt Jens Scharon. „Seltene Pflanzen wie Sandnelken sollen sich weiter ausbreiten können.“ Böcke und Mutterschafe erweisen sich dabei als besonders effiziente Gärtner. „Um die Wiesen kurz zu halten, müssten wir sie spätestens alle drei Wochen mähen und das Gras abtransportieren“, erläutert Jens Scharon. „Ehrenamtlich ist das nicht zu leisten.“ Zudem schaffen die Tiere mit dem „goldenen Tritt“ ihrer kleinen Hufe immer wieder neue Offenflächen.

Eine Ziegenweide
Der Biesenhorster Sand ist lebenswichtig für die wachsende Stadt: Er hält das Grund-
wasser sauber und filtert den Schmutz aus der Luft.

„Ziegen sind gute Landschaftspfleger“, erklärt ihr Besitzer Björn Hagge. „Sie gehen intensiver an Gehölze heran als Schafe.“ Der Agraringenieur hält über 400 Schafe und Ziegen, verteilt über ganz Berlin: Seine Paarhufer weiden am Flughafensee in Tegel, hinter der Waldbühne in Grunewald und seit 2015 auch auf fünf Koppeln auf dem Biesenhorster Sand. Björn Hagge weiß: „Ziegen sind Teamworker.“ Bei höheren Büschen stellen sie sich auf die Hinterbeine und biegen das Gehölz auf den Boden. „Dann kommen Schafe und Ziegen zusammen und fressen den Busch kahl“, erläutert Björn Hagge. Die hungrigen Allesfresser knabbern die Gewächse knapp oberhalb der Wurzeln ab. So wächst eine dichte, artenreiche Grasnarbe heran.

Eine Schafherde

Neubau und Natur liegen in Berlin dicht beieinander: Auf dem Biesenhorster Sand leben Schmetterlinge und Käfer, die als ausgestorben galten. Schafe und Ziegen helfen dabei, die besondere Wiese zu erhalten. „Es ist ein großer Gewinn, wenn man so eine Naturoase vor der Haustür hat“, sagt Jens Scharon vom Naturschutzbund.

So soll es sein auf dem Biesenhorster Sand, einem in Berlin einmaligen Biotop. Über 100 Jahre lang war die Fläche militärisches Sperrgebiet und Truppenübungsplatz. Als Fachleute sie in den frühen 2000er- Jahren untersuchten, fanden sie 388 Arten von Großschmetterlingen, darunter zwölf, die in Berlin-Brandenburg als ausgestorben galten. Langfristig soll der gesamte Friedrichsfelder Grünzug mit dem Biesenhorster Sand als Landschaftsschutzgebiet gesichert werden, Bereiche in Karlshorst sogar als Naturschutzgebiet.

Bis die genauen Pläne stehen, will der NABU mithilfe von Tier und Mensch die Artenvielfalt erhalten. Wanderwege sind schon angelegt, damit die Berliner diese Urwiese zwischen den Schafkoppeln erkunden können. Biotope wie der Biesenhorster Sand sind aber nicht nur attraktive Erholungsgebiete, sondern lebenswichtig für die wachsende Stadt. „Solche Flächen halten das Grundwasser sauber und die vielen Gehölze filtern den Schmutz aus der Luft“, erklärt Jens Scharon. „Als Frischluftschneise in der dicht bebauten Stadt gleichen sie zudem Temperaturen aus, gerade im Sommer.“ Und Schafbesitzer Björn Hagge sieht auch einen Lerneffekt. „Es ist wichtig, dass die Berliner noch einen Bezug zum ländlichen Leben haben“, betont der 57-Jährige und lacht: „Gerade Kinder sollten wissen, auf welcher Grundlage unsere hoch technisierte Gesellschaft basiert – und dass es mehr gibt als Smartphone und Pokémon.“

Schafe sollen sicher weiden

Der Biesenhorster Sand ist eine besonders schützenswerte Naturoase. Der NABU Berlin bittet Anwohner und Ausflugsgäste um Unterstützung beim Erhalt dieses Biotops:

  • Schafe und Ziegen bitte nicht füttern. Der Magen eines Wiederkäuers kann leicht übersäuern.
  • Die Weideflächen bitte nicht betreten. Achtung: Die Zäune stehen unter Spannung.
  • Bitte führen Sie Ihren Hund an der Leine und lassen Sie ihn nicht auf die Koppel.
  • Bitte keine Gartenabfälle auf dem Gelände abladen. Nährstoffreicher Kompost könnte den besonderen Lebensraum stark verändern.

Umweltschutz zum Mitmachen

Der Biesenhorster Sand ist ein ungewöhnlich artenreiches Stück Natur mit mehr als 300 Farn- und Blütenpflanzen wie Steinquendel und Finger-Steinbrech sowie über 700 Käferarten. Ein Zehntel davon gilt als stark gefährdet. Um diesen Lebensraum zu erhalten, organisiert der NABU Berlin Pflegeeinsätze: Freiwillige sammeln Unrat ein, roden dominante Gehölze und halten Zäune sowie Wanderwege frei. Die Einsätze dauern rund drei Stunden. Geräte werden gestellt. Treffpunkt ist der grüne Container am Ende der Viechtacher Straße (10318 Berlin-Karlshorst). Nächste Termine: 28. September ab 16 Uhr und am 29. Oktober ab 9 Uhr.

Anmeldung und weitere Infos beim NABU Berlin unter
(030) 98 60 83 70 oder www.berlin.nabu.de/stadt-und-natur