Neubau

So wollen wir in Zukunft bauen

So wollen wir in Zukunft bauen

Als Senator für Stadtentwicklung steuert Andreas Geisel die Berliner Neubauoffensive der nächsten Jahre. Ein Gespräch über guten Städtebau, das „Bündnis für Wohnen“ und einen inspirierenden Besuch in Wien.

mieteinander: Herr Geisel, Sie leben in Karlshorst. Der Stadtteil wächst, Sie bekommen immer mehr Nachbarn.
Wie finden Sie das?

Andreas Geisel: Das finde ich gut. Stellen Sie sich vor, wir müssten über die Frage diskutieren, ob wir eine Kita schließen müssen, weil es keine Kinder mehr gibt, die dorthin gehen. Was ich damit sagen will: Natürlich ist es manchmal anstrengend, wenn es voll ist auf den Straßen und in den Bussen und Bahnen. Aber das Wachstum ist eine Riesenchance für uns alle: mehr Menschen, mehr Arbeitsplätze, mehr Steuereinnahmen, mehr Möglichkeiten, die Lebensverhältnisse in der Stadt zu verbessern.

Bis 2030 sollen in Berlin 3,9 Millionen Menschen leben, 266.000 mehr als heute. Wo ist noch Platz für sie?

Bis 2030 sollen in Berlin 3,9 Millionen Menschen leben, 266.000 mehr als heute. Wo ist noch Platz für sie? Platz haben wir genug. Anders als in anderen Städten gibt es in Berlin noch ausreichend Baulücken, Brachflächen und unbebaute Straßenecken. Das Problem ist, diese Flächen auch wirklich zu bebauen. Denn überall gibt es Anwohner, die sagen: „Nicht bei mir!“ Dann gibt es eine Bürgerinitiative, die das Vorhaben stoppen will. Bei allem Verständnis für die Betroffenen sage ich ganz klar: Man darf sich nicht über steigende Mieten beschweren und dann den Neubau von Wohnungen behindern. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Nur wenn ich das Wohnungsangebot erweitere, kann ich steigende Mieten vermeiden.

Von welcher Stadt haben Sie sich zuletzt im Bereich Neubau inspirieren lassen?

Wien ist immer inspirierend, wenn es um den Wohnungsmarkt geht. Nicht nur, was den Bestand mit seinem genossenschaftlichen Gedanken betrifft, sondern auch wenn es um Neubauten geht. In Wien entsteht gerade auf dem ehemaligen Flughafen in Aspern ein komplett neues Stadtviertel. Dort ist eine wichtige Sache bereits geschehen: Bevor dort Wohnhäuser entstehen, haben die Wiener eine neue Bahnverbindung in das Gebiet gebaut – damit die Menschen umweltfreundlich pendeln können. Das mag banal klingen, ist aber für guten Städtebau enorm wichtig. So werden wir es auch machen, etwa bei der Entwicklung der Elisabeth-Aue in Pankow.

Nur wenn wir das Wohnungsangebot in ganz Berlin erweitern, können wir steigende Mieten vermeiden.

Sie waren viele Jahre Baustadtrat und dann Bürgermeister in Lichtenberg. Welche Ideen zum nachhaltigen Wohnungsbau bringen Sie aus dieser Zeit mit?

Als Bezirksbürgermeister habe ich damals als Erster das „Bündnis für Wohnen“ ins Leben gerufen, an dem die HOWOGE maßgeblich beteiligt ist. Kurz und knapp geht es darum, bezahlbare Wohnungen zu bauen und die Mieterinnen und Mieter in den bestehenden Wohnungen vor Mietsteigerungen zu schützen. Ich freue mich, dass wir das auch berlinweit eingeführt haben. Ein anderes Beispiel ist die Umwandlung von nicht mehr genutzten Immobilien. Die HOWOGE entwickelt gerade das ehemalige Kinderkrankenhaus Lindenhof zu einem wunderbaren Wohnstandort. So stelle ich mir gute Stadtentwicklung für die Menschen vor.

Wie wird der Zuzug Berlin verändern? Gibt es bald Hochhäuser wie in New York? Oder Minizimmer wie in Tokio?

Berlin wird sich verändern, aber niemals New York oder Tokio werden. Die Veränderung gehört zu dieser Stadt dazu. Aber Berlin ist immer Berlin geblieben. Ein bisschen rau und eigenwillig, aber durchweg liebenswert und mit einem ganz eigenen Stadtbild. Das wird auch so bleiben, weil die Stadt groß genug ist, um unterschiedliche Entwicklungen aufzunehmen. Klar wird es am Alexanderplatz in Zukunft noch mehr Hochhäuser geben, und sicher werden wir auch Wohnexperimente haben, die die Bevölkerungsentwicklung widerspiegeln. Die Menschen werden älter, die Zahl der Singlehaushalte steigt. Darauf muss man Antworten geben.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Als Senator sind Sie nur noch selten in Lichtenberg. Was vermissen Sie am meisten?

Als ich Senator wurde, habe ich gesagt, dass ich Lichtenberg im Blick behalte. Und das tue ich. Auch als ganz normaler Bürger. Ich bin zum Beispiel im Freundeskreis des Theaters an der Parkaue, im Förderverein von Tierpark und Zoo, Mitglied des Bürgervereins Karlshorst und auch Mitglied des Fördervereins des Mies-van-der-Rohe-Hauses. Deswegen widerspreche ich Ihnen jetzt vehement und sage: Ich wohne in Lichtenberg und bin sehr oft im Bezirk unterwegs.

Zur Person

Andreas Geisel ist Lichtenberger von Geburt. Seit den 90er-Jahren war der Diplom- Ökonom dort kommunalpolitisch aktiv, zuletzt als Bezirksbürgermeister. Im Dezember 2014 wurde er Senator für Stadtentwicklung und Umwelt.