Kiezgeschichten

Verschwundene Orte mit der Kamera erhalten

Verschwundene Orte mit der Kamera erhalten

Bewahren für die Ewigkeit: Die Archäologin Claudia Günther fotografiert leer stehende Häuser und andere „verschwundene Orte“ des alten Berlins.

mieteinander: Frau Günther, Sie fotografieren verfallene Häuser. Hat das etwas mit Ihrem Archäologiestudium zu tun? Sind Berliner Ruinen Ihr Fachgebiet?

Claudia Günther: Nein, ich habe Klassische Archäologie studiert, also das antike Griechenland und Rom. Das Thema meiner Masterarbeit waren Mosaikfußböden in Nordafrika, die wegen des Klimas dort sehr gut erhalten sind.

Wie kamen Sie auf die Idee, leer stehende Gebäude in Berlin zu fotografieren?

Alte Häuser gibt es schon lange in meinem Leben. Mit 16 bin ich das erste Mal in eins geklettert und habe es ausgekundschaftet, weil ich das so spannend fand. Ich komme ursprünglich aus Schöneiche in Brandenburg. Als ich 2008 zum Studium nach Berlin gezogen bin, war ich begeistert von den vielen alten Häusern, die es hier gibt!

Warum die Fotos?

Es verschwinden so viele bekannte Orte aus dem alten Berlin. Das ist sehr schade. Deshalb halte ich sie auf Fotos fest. Erst habe ich das nur für mich gemacht, im Laufe der Zeit ist daraus etwas Künstlerisches geworden. Meine Oma ist zum Beispiel noch zum Tanzen in ein Ballhaus gegangen. Heute steht das Gebäude leer. Oft werden solche Häuser später abgerissen, weil das lukrativer ist.

Manch ein Nachbar ist froh, wenn so ein alter Kasten endlich verschwindet. Was verbindet Sie damit?

Es ist faszinierend, zu sehen, wie ein einst bedeutender Ort allmählich aus der Wahrnehmung der Menschen verschwindet, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Irgendwann wird daraus eine Ruine, die noch in Jahrzehnten an das Leben von damals erinnert. Das sieht man an der Kinderklinik in Weißensee. Sie war in den Zwanzigerjahren ein modernes Gebäude, das mehrfach erweitert wurde. Man kann daran gut die verschiedenen Baustile ablesen.

Was haben Sie zuletzt im Bezirk Lichtenberg fotografiert?

Die Fleischfabrik in der Vulkanstraße. Das alte Kesselhaus ist ohnehin eine wunderschöne Location. Darüber hinaus habe ich dort auch einen Künstler fotografiert. Er hat mithilfe von brennenden Elementen geometrische Figuren geschaffen. Außerdem habe ich dort Bilder von einem Street-Art-Künstler gesehen. So sehe ich, wer vor mir diesen Ort entdeckt hat.

Wie finden Sie diese Orte?

Inzwischen habe ich einen Blick dafür. Auf dem Weg durch die Stadt erkenne ich meist sofort, wenn ein Haus verlassen ist. Dann suche ich im Internet, ob ich etwas darüber finde und ob ich den Besitzer ansprechen kann.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Ich habe bestimmt schon zehn Klaviere und Konzertflügel in alten Gemäuern fotografiert. Bis auf einen waren alle noch spielbar – auch wenn sie nicht mehr so schön klangen.

„Verhallte Klänge“

Weitere Fotografien von Claudia Günther sind in der Ausstellung „Verhallte Klänge“ im Kaskelkiez noch bis Ende 2015 zu sehen – und natürlich auf ihrer Website.

Restaurant Frau Buschvitz,
Pfarrstr. 121,
Mo–Fr 11.30–18 Uhr,
claudiaguenther-fotografie.blogspot.de