Kiezgeschichten

Und jährlich grüßt der Räucheraal

Und jährlich grüßt der Räucheraal

Nach wilden Jahren feiert Ulli Zelle Weihnachten wieder so, wie in Kindertagen: mit Glöckchen, Aal und schönen Geschichten. Dumm nur, dass seine Söhne die nicht hören wollen …

Weihnachten wird in der Familie gefeiert. Basta. Das war in meiner Kindheit so. Und es war gut so. Wenn im Wohnzimmer die Geschenke unter dem Baum ausgebreitet waren, rief mein Großvater zur Bescherung. Dabei läutete er mit einer Handglocke. Jedes Jahr. Dann: auspacken, freuen, ausprobieren oder anprobieren. Nein, Socken gab es nicht von Oma, alle Familienmitglieder hatten sich mehr oder weniger an meinen Wunschzettel gehalten. Bis zu meinem 16. Lebensjahr: Den heiß ersehnten Motorroller in Weiß, Marke Zündapp, habe ich nie bekommen. Trotzdem waren diese Abende, besonders als die Großeltern noch dabei waren, so prägend, dass sie unvergessen bleiben. Unvergessen schön! Zugegeben, ein bisschen rückten sie in den „wilden Jahren“ der Jugend in Vergessenheit. Weihnachten zu Hause wurde eher Pflicht. Zuerst das Abendessen, seit Jahrzehnten geräucherter Aal aus dem Steinhuder Meer. Warum auch immer. Danach zu Freunden, wo wir die stille Nacht mit lauter Rockmusik beschallten.

Nach den „wilden Jahren“, aber noch ohne Kinder, kam die Kulturphase: Konzert, Theater, Essen. Mit den Kindern war auch das vorbei. Jetzt sollte Weihnachten so gefeiert werden, wie ich es zu meiner Kindheit in bester Erinnerung hatte. Aber es hat sich so viel verändert: Auf der Wunschliste stehen immer wieder neue Handys, Tablets oder Computer. Hightech zur Verbesserung der Kommunikation. Die verstummt allerdings gleich nach dem Auspacken, zumindest die mit den Eltern. Aber am Fest der Liebe wird nicht gemeckert. Und sind wir mal rückblickend ehrlich: Jede Generation hatte ihre Technik. Auch mein Walkman unterbrach jedes weitere Gespräch.

Dabei könnten wir uns schöne Weihnachtsgeschichten erzählen! So wie jene über die Nacht vor Heiligabend in einem Berliner Luxushotel. Ich wollte damals last minute ein weihnachtliches Candle Light Dinner für die Familie buchen. Ich ging also mit meinen kleinen Söhnen zur Rezeption und bekam vier Plätze. Große Freude! Dann der Schreck: Mein Hausschlüssel lag – wie der Name sagt – zu Hause. Kein Ersatz bei Nachbarn, die Frau auf Dienstreise. Was nun? Ich hörte im Geist schon den Mann vom Schlüsseldienst einen horrenden Preis aufrufen. Die Idee: Ein Zimmer in diesem noblen Hotel kostet bestimmt auch nicht mehr – und morgen ist ja meine Frau wieder da.

Also, zurück zur Rezeption. Offenbar rührte die Geschichte des schlüssellosen Vaters die Concierge so, dass wir eine Suite bekamen. Mittlerweile war es dunkel, im Zimmer standen frische Blumen, Getränke und Knabberkram. Wir genossen die Aussicht auf die geschmückte Stadt. Und es gab kein Handy, keinen Computer, der unsere Weihnachtsgeschichten störte, die wir uns zu dritt auf dem Kingsize-Bett erzählten. Und ich konnte wieder die mit Großvaters Glocke, der Zündapp und den Freunden aus den „wilden Jahren“ loswerden. Am nächsten Morgen, Heiligabend, gab es ein opulentes Frühstück im Hotel und am Abend zu Hause geräucherten Aal. Basta.

ZELLES ZEILEN

Natur braucht ihre Zeit, lernt Ulli Zelle in den Gärten der Welt.

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