Kiezgeschichten

Schweige, Schweinehund!

Schweige, Schweinehund!

RBB-Reporter Ulli Zelle geht joggen. Dummerweise muss er dabei seinen inneren Schweinehund hinter sich herzerren.

Seit 15 Jahren, vielleicht auch schon länger, beobachte ich einen Trend zum außergewöhnlichen Hund. Dackel oder Schäferhund tun es heute nicht mehr. Exotisch muss der Vierbeiner sein! Lieblingswauwau der Berliner war im Jahr 2015 der Chihuahua. Keine andere Rasse wurde öfter angemeldet. Auch ich halte mir schon seit einiger Zeit ein außergewöhnliches Haustier: einen ausgewachsenen Schweinehund. Der hat sein „Körbchen“ tief in meiner Seele und fängt öfter an zu kläffen. Neulich erst. Schon seit Wochen will ich mal wieder joggen. Mein Schweinehund war da ganz anderer Meinung. Immer wieder fand er Ausreden wie: Nach der Arbeit sollte man sich lieber ausruhen. Oder: Morgen ist auch noch ein Tag.

Zuletzt aber habe ich ihn gepackt! So, mein lieber innerer Schweinehund, jetzt geht es raus an die frische Luft, „Gassi gehen“, mindestens eine Stunde Bewegung! Ab jetzt! Der Schweinehund hält mich erwartungsgemäß an der kurzen Leine, murmelt etwas von „Ja, gleich ...“, aber ich kann mich durchsetzen: Jogginghose, Turnschuhe, T-Shirt – und los. Schon nach einigen 100 Metern fängt er wieder an: Du bist zu schwer geworden. Quäl‘ dich doch nicht. Ich entgegne ganz cool: Die paar Kilometer werde ich doch wohl noch schaffen, bin schließlich elfmal den Berlin-Marathon gelaufen. Okay, das ist zehn Jahre und 15 Kilo her. Aber trotzdem.

Der Schweinehund schweigt. Vielleicht zwei, drei Kilometer. Dann fängt er wieder an: Musst du dir das antun? So lange zu laufen ist ungesund, denke daran, wie viele jüngere Kollegen plötzlich umgekippt sind. Ich sage nur: Halt‘ endlich die Klappe und schau‘ dir lieber die vielen Hunde an, die uns auf der Strecke entgegenkommen: Irish Setter, Weimaraner, Riesenschnauzer. Und er hält die Schnauze. Für den Moment … Ich trabe entlang der Feldflur in Gatow. Weiter Blick. Märkische Heide. Klare Luft. Durchatmen. Irgendwann setzt nach 45 Minuten Laufen in Beinen und Knien das eine oder andere Ziehen ein. Sollte ich vielleicht lieber in den Walkmodus umschalten, also gehen? Oder die Strecke verkürzen?

Seit einer Stunde schleppe ich mich über Feldwege. Ich werde es schaffen! Mit diesem Glücksgefühl mobilisiere ich letzte Reserven.

Der innere Schweinehund plädiert für sofortigen Abbruch und den kürzesten Weg nach Hause. Im gemütlichen Gang natürlich. Ich kann mich aber nochmals gegen ihn durchsetzen, ihn überwinden. Jetzt halte ich durch, sagte ich mir. Bereits über eine Stunde schleppe ich meinen schweren Körper im Trab über die Feldwege und Wiesen. Jetzt geht es durch die früheren Rieselfelder. In der Ferne sehe ich den Grunewald-Turm und den Teufelsberg. Ich werde es schaffen. Und mit diesem Glücksgefühl mobilisiere ich die letzten Reserven. Jetzt erst recht! Nach einer Stunde und 15 Minuten ist das Ziel erreicht: der Sieg über mich selbst, über den inneren Schweinehund. Endlich zu Hause: durstig, erschöpft, aber erfüllt.

Er liegt ebenfalls erschöpft in seinem Körbchen und schmollt. Ich setze mich müde, aber hoch motiviert an den PC und schreibe „Zelles Zeilen“. Ich habe mich nicht gehen lassen. Ich habe etwas für mich getan, und es war gut. Und ich weiß auch, der gleiche Kampf beginnt beim nächsten Mal von vorn. Es muss ja nicht immer das Laufen sein. Der Schweinehund lauert auch vor dem Schwimmen und vorm Gymnastikmachen. Bewegung tut gut. Sie reduziert nicht nur das Gewicht, sondern auch das Risiko zu erkranken, insbesondere an Demenz.

Mein innerer Schweinehund hat übrigens noch einen kleinen Kumpel. Der will überwunden werden, wenn wir mit der Band „Ulli und die Grauen Zellen“ mal wieder sehr spät und sehr lange spielen. Der Saal ist voll, die Luft schlecht, das Publikum angetrunken, und der kleine Schweinehund meint: Musst du dir das antun, in deinem Alter bis zwei Uhr auf der Bühne rumhampeln? Aber wenn dann die Leute begeistert mitgehen, dann hat es sich auch hier gelohnt, den Schweinehund zu besiegen. Am Ende sind drei T-Shirts durchgeschwitzt und das Gefühl ähnlich gut wie nach einem langen Lauf mit dem Schweinehund an der kurzen Leine ...

Ulli Zelle singt mit seiner Band
auf dem Tierparkfest am 4. September www.howoge.de/tierparkfest