Kiezgeschichten

Neue Kunst für den Kiez
Apr 2014

Neue Kunst für den Kiez

Bei der HOWOGE-Initiative „Lichtenberg Open ART“ kommen sich Künstler und Besucher ganz nah. Mitmachen darf jeder. Zu Besuch in einem Atelier auf Zeit am Prerower Platz.

Die neuen Mieter in der Ladenzeile an der Zingster Straße fallen auf. Zwischen einem Tattoo-Studio und dem Haar- und Kosmetikstudio Ziemann hat das JWD eröffnet. Ein Blick durchs Schaufenster macht sofort klar: Hier ist alles anders. Ein fast leerer, weiß gestrichener Raum, auf dem Tresen prangen die Buchstaben JWD, zusammengefügt aus schwarzen Klebestreifen. Links steht ein großer provisorischer Tisch aus Pressspanplatten, rechts malt Nils Pegel. Strubbelige braune Haare, bunter Strickpullover. Pegel hat zwei Dia-Leinwände an die Wand genagelt. Sie dienen dem 26-Jährigen als Malgrundlage. Auf der einen ist schon ein gefällter Nadelbaum zu sehen, der kegelförmige Stumpf lässt auf einen Biber schließen. Vor den Leinwänden liegen auf grauen Papierbahnen die Werkzeuge von Nils Pegel: zwei Dutzend Farbtuben, sechs Pinsel in verschiedenen Breiten, ein gelb verschmierter Hand-Tacker und mehrere Blechdosen. Dazu Terpentin, um die Farbe zu verdünnen, und Leinöl als Firniss. Nils Pegel studiert an der Kunsthochschule Weißensee. Eigentlich Bildhauerei, aber die Grenzen der Kunst verfließen. In den letzten Monaten hat Pegel Schweißen gelernt, um Skulpturen aus Metall zusammenzufügen. Aber heute will er malen - und dazu ist das Atelier in der Zingster Straße 10 ideal.

Kunst heißt:
Einfach mal machen!

Die Schaufenster machen das Laden-lokal hell, es bietet mit 172 Quadratmetern viel Platz. Den teilt er sicht mit anderen Künstlern. “Wir haben uns die Räume unabhängig voneinander angeschaut und uns erst bei der Besichtigung getroffen”, erzählt Nils Pegel. “Es war uns schnell klar, dass wir uns zusammentun müssen, allein um die großen Räume auszufüllen.” So fanden sich fünf Kreative: Neben Pegel die Zeichner Moreen Vogel und Niall Dooley, die Video- und Installationskünstlerin Pauline Faucheur sowie der Kunstpublizist Mario Margani. Ihre neuen Arbeitsräume und Ausstellungsflächen liegen nur 30 Minuten vom Alexanderplatz entfernt, trotzdem hat sich das Quintett für den Namen JWD entschieden “janz weit draußen”.

Während Nils Pegels Kollegen aus ganz Europa in die Hauptstadt kamen, ist das Atelier in Neu-Hohenschönhausen für den gebürtigen Berliner ein Schritt zurück zu seinen Wurzeln. Seine ersten drei Lebensjahre hat er in der nahen Ahrenshooper Straße verbracht. “Ich habe nur wenige Erinnerungen an die Zeit”, sagt Pegel, “aber meine Eltern waren bei der Eröffnung des Ateliers am 24. Januar 2014 dabei und erzählten von früher. Das ist ein spannendes Umfeld, ein Ort der Geschichte.”

Möglich wird das Projekt, weil die HOWOGE als Eigentümerin der Läden auf die Miete verzichtet. Das JWD-Team muss nur die Betriebskosten aufbringen. Der Grund für den Preisnachlass: Das Atelier am Prerower Platz ist Teil einer neuen Kunst- und Bildungsinitiative der HOWOGE. Unter dem Schlagwort „Lichtenberg Open ART“ (kurz LOA) schafft die Wohnungsbaugesellschaft Platz für Kunst. „Die Gewerberäume lassen viel Raum für kreative Ideen, und die Schaufenster laden zum Zusehen ein“, sagt Petra Grampe. Sie kümmert sich bei der HOWOGE um das LOA-Projekt. Ihr Wunsch ist, dass die Ateliers „zur Entstehung eines neuen Kiezgefühls bei- tragen“. Die Gelegenheit ist günstig: Die HOWOGE hat die Gebäude um den 

Prerower Platz erst 2013 erworben, im Herbst 2014 rücken die Handwerker an. Bevor die Sanierung beginnt, bleibt ein halbes Jahr Zeit und Raum für mehr Kunst in Hohenschönhausen. Das JWD wird es mindestens bis August geben. Auch anderswo tun sich in den angekauften Platten viele Nischen für Kunst auf. Nur wenige hundert Meter weiter drehten Studenten im Januar einen Kurzfilm. Und für das Projekt „In leeren Räumen wohnen“ bespielten drei Künstlerinnen eine leere Wohnung mit verschiedenen Kunstformen. In den Ausstellungsräumen auf Zeit entstanden Arbeiten, die eng mit Wohnsituation und Architektur verknüpft sind.

Von den vielen Kunstorten am Prerower Platz ist das JWD der größte: ein Atelier und Arbeitsort, eine Ausstellungsfläche zum Ausprobieren, und wenn alles klappt auch eine Galerie. „Die Leute dürfen jederzeit reinkommen“, betont Nils Pegel. „Die Tür ist offen. Wenn es uns stört, würden wir das schon sagen.“ Bisher halten sich Nachbarn und Passanten eher zurück. „Bei der Eröffnung waren nur Leute, die wir schon kannten“, sagt Mario Margani. Der Publizist schreibt auf der italienisch-englischen Website digicult.it regelmäßig über Projekte und Ereignisse der Kunstwelt.

Die Tür zum Atelier ist immer offen

Er weiß daher, wie skeptisch die Menschen moderner Kunst begegnen. „Viele grenzen sich ab, weil sie damit staubige Museen oder komische Leute verbinden“, sagt Margani lachend. „Wir wollen die Leute deshalb anregen, selbst etwas zu machen. Es wäre schön, wenn sie bei JWD etwas über ihren Stadtteil und ihre Träume sagen.“ Die fünf Künstler haben einen öffentlichen Aufruf gestartet: Ihre neuen Nachbarn sollen Kunst machen. Das Team von JWD plant eine Ausstellung mit Werken aus dem Kiez. Jeder darf etwas beisteuern, es gebe keine Auslese, betont Margani. „Alles ist erlaubt“, sagt auch Pauline Faucheur: „Zeichnungen, Fotos, Ton, Text – zeige uns einfach deine beiden liebsten Orte: einen in der Umgebung, und einen Ort deiner Träume. Das kann ein Urlaubsort sein oder auch eine Fantasie.“ Bis Ende Mai wollen die Fünf Beiträge sam- meln und dann daraus eine Ausstellung entwerfen. Geplant sind auch Treffen, damit die Leute von ihren Lieblingsorten erzählen können. Eine erste Anregung für den Lieblingsort hat Pegel schon gegeben: Im Schaufenster hängt ein Poster mit einem karibischen Traumstrand: türkisblaues Meer, weißer Strand und eine üppige Palme.

Auch Niall Dooley hat schon eine Idee, wie er Kunst aus der oft Ehrfurcht erweckenden Galerie ins alltägliche Leben bringen könnte. Bei Ebay hat er eine Lkw-Plane ersteigert, „fast 20 Meter lang“, sagt der Ire stolz. Mit 32 Jahren ist Dooley der Senior in der Kunstgemeinschaft. „Ich hatte vor, die Plane auf der Straße auszubreiten und ein großes Bild darauf zu malen, in aller Öffentlichkeit. Vielleicht schaffe ich es in diesem Sommer auf dem Prerower Platz.“ Auch dabei käme die Kunst ganz nah zu den Menschen.