Kiezgeschichten

Mit Taktstock und Akkordeon
Dez 2014

Mit Taktstock und Akkordeon

Als Dirigent des Berliner KammerOrchesters kennt Roland Mell alle Instrumente. Seine große Liebe aber bleibt das Akkordeon, denn mit ihm fing alles an.

Lange Zeit hat sich Roland Mell für seine erste große Liebe geschämt und sie lieber verschwiegen: ein Akkordeon. Doch dem Instrument verdankt der Musiker seinen ersten großen Auftritt. Mit nur sieben Jahren steht der kleine Junge im riesigen Saal der UFA-Film-Bühne Wien am Kurfürstendamm, auf dem Kopf eine graue Fellmütze, und spielt auf seinem Akkordeon den russischen Walzer „Natascha“. Der Saal tobt, Anfang der 1960er-Jahre ist das „Schifferklavier“ enorm populär. Am gleichen Ort erlebt Roland Mell die Akkordeon-Weltmeisterin mit Gershwins „Rhapsody in Blue“. „Der Auftritt war so genial, dass ich die Rhapsodie später als Abschlussstück für mein Schulmusikstudium ausgewählt habe“, sagt Mell, das Instrument war da allerdings schon ein Klavier.

Heute ist der 60-Jährige ein gefragter Dirigent und gibt Konzerte in vielen europäischen Ländern, 2015 sogar im Libanon. Im November leitete er zum zweiten Mal das HOWOGE-Mieterkonzert. Der Weg aufs Podium folgt vielen Kurven und führt zunächst in die Schule. Als Studienrat für Deutsch und Musik hält Roland Mell zehn Jahre durch. Dann verschreibt er sich seiner wahren Leidenschaft. „Ich wollte komponieren, dirigieren, ein Orchester leiten", erzählt Mell. Also fasst der gebürtige Berliner als freier Musiker Fuß, er begleitet am Klavier, arrangiert Stücke, leitet die Musik im Kabarett „Die Stachelschweine“.

Es ist toll, dass die HOWOGE so ein Konzert anbietet. Die Musik sollte u?berall dort hinkommen, wo Menschen sind. Nur so funktioniert Kultur.

1993 erfu?llt sich der Traum vom eigenen Orchester. „Damals gab es noch ein Sommerloch in Berlin“, erinnert sich Roland Mell. Bei schönstem Wetter geht niemand in ein Konzert, das wissen damals alle Veranstalter. Gemeinsam mit dem Dirigentenkollegen Antonio Lópes Ríos wagt Roland Mell ein Experiment: „Wir sind dort aufgetreten, wo im Sommer sowieso schon viele Menschen waren: im Charlottenburger Schloss.“ Der Erfolg ist gewaltig. „Hunderte standen draußen vor der Orangerie“, berichtet Mell vom ersten Konzert – das Berliner KammerOrchester ist geboren. Den Namen haben die Gru?nderv.ter spontan erfunden. Erst im Folgejahr erfahren sie, dass es einen beru?hmten Vorgänger gab: Einst tourte Hans von Benda, zeitweilig Intendant der Berliner Philharmoniker, mit einem Berliner Kammer-Orchester durch die Welt. Mit seinem Tod 1972 endete das erste Kapitel des BKO. Auch das neue Berliner KammerOrchester arbeitet frei und finanziert sich allein aus Eintrittsgeldern, Spenden und durch Veranstaltungen wie das Mieterkonzert. „Es ist toll, dass die HOWOGE so ein Konzert anbietet“, betont Mell. „Nur so funktioniert Kultur: Die Musik muss dort hinkommen, wo Menschen sind.“ Bei der Zusammenstellung eines Konzertprogramms zeigt Roland Mell keine Scheu vor populärer Musik. „Wir wollen die Leute da abholen, wo sie sind“, erklärt Mell. „Gleichzeitig wollen wir ihnen etwas Neues anbieten, damit das Konzert interessant wird.“

Fast alle Stu?cke bearbeitet Roland Mell persönlich fu?r sein BKO. Anders als in den großen Sinfonieorchestern spielen in einem Kammerorchester wesentlich weniger Musiker, meist sind es rund 25. Viele Instrumente sind nur einmal vertreten. Mell muss die vorgesehenen Stimmen so auf die Instrumente verteilen, dass am Ende keine fehlt. „Sinfonieorchester sind wie Ozeandampfer“, erklärt Mell, „Kammerorchester sind Schnellboote.“ Die Arrangements entstehen in Roland Mells Wohnung in Charlottenburg. Das Klavier dort ist ein echtes Arbeitsinstrument. Zum Entspannen pflegt Mell seine alte Liebe, das Akkordeon. „Es gibt starke Jazzstu?cke, die mich sehr motiviert haben nach Jahren wieder zu spielen“, erzählt Mell. Sein Jugendinstrument sei persönlicher als das Klavier, bei dem ein Hammer die Saiten schlägt. „Ist die Taste einmal angeschlagen, kann man nicht mehr auf den Ton einwirken“, erläutert Mell. „Bei einem Quasi- Blasinstrument wie dem Akkordeon können Sie den Ton noch in der Entstehung beeinflussen. Deshalb gehört das Akkordeon fu?r mich zu den schönsten Instrumenten – sein Ton lebt!“

 

Silvesterkonzert 2014

Den Jahreswechsel feiert das Berliner KammerOrchester in Luckenwalde. Karten zu 23 Euro unter
(03371) 67 25 00 oder
www.luckenwalde.de
31. Dezember, 16 Uhr
Stadttheater Luckenwalde

Wandelkonzert im Schloss

Beim Wandelkonzert im Schloss Charlottenburg wandeln die Zuhörer von einem historischen Raum in den anderen. Überall erklingen Werke aus Barock, Klassik und Romantik. Karten gibt es zu 30 Euro unter
(030) 325 88 23 oder
b.k.o@remove-this.t-online.de.
1. März 2015, 17 Uhr
Orangerie, Schloss Charlottenburg
www.bko.de 

Nächstes Mieterkonzert

Das nächste Mieterkonzert der HOWOGE findet schon im Sommer 2015 statt – unter freiem Himmel. Näheres steht rechtzeitig in der mieteinander.