Kiezgeschichten

Mit dem Drachen durch die Luft

Mit dem Drachen durch die Luft

Herbst ist Drachenzeit. Die größten Exemplare lassen ausgewachsene Männer abheben. Ein Ausflug mit Tim Retzlaff von der Berliner Kiteschule.

Der Herbst gehört den Drachen: Kita-Kinder basteln kleine aus Papier, Schulkinder kaufen sie im Baumarkt, und die ganz großen Jungs breiten eine 14-Quadratmeter-Matte aus und heben damit ab. Die nächste Gelegenheit ist das Drachenfest in Wartenberg am 3. Oktober.

Auf der Wiese am Hagenower Ring weht ein starker Wind. Wie man den richtig nutzt, weiß Tim Retzlaff. „Schon als Kind habe ich gerne Drachen steigen lassen“, erzählt der 44-Jährige. Heute sind seine Kites so groß, dass er damit segeln kann. Er steht dabei auf einem Mountainboard, einer Art Skateboard mit luftgefüllten Reifen, und lässt sich von seinem Drachen über die Wiesen ziehen. Kite-Landboarding heißt sein Sport. Der gebürtige Zehlendorfer ist lizensierter Lehrer für Kite-Surfing, 2011 hat er die Berliner Kiteschule eröffnet. Der Herbst ist für Tim Retzlaff Hochsaison. Anfang Oktober ist er mit seiner Kiteschule auf dem Tempelhofer Feld. Dann zeigen dort Europas beste Kiteflieger drei Tage lang ihr Können. Tim Retzlaff gibt kostenlose Schnupperkurse. Eine der ersten Lektionen: die Sicherheit beim Landboarding. Jeder Ritt am Drachen beginnt mit dem Reviercheck. Sorgfältig prüft Tim Retzlaff die Wiese auf Erdlöcher und andere Hindernisse. Der zweite Blick gilt dem Himmel. „Beim Kiten musst du genau auf das Wetter achten“, betont Tim Retzlaff. „Bei dunklen Wolken oder gar Gewittern ist Vorsicht geboten. Kites sind perfekte Blitzableiter.“

Erst nach dem Sicherheitscheck legt Tim Retzlaff seine orange-schwarz-gelbe Lenkmatte aus. Die drei Leinen liegen in Richtung Luv, wo der Wind herkommt. Leise raschelnd schwebt der Drache in die Luft. Er ist zwar leicht wie eine Feder, doch zerrt mit enormer Kraft an den Armen von Tim Retzlaff. Mit einer kurzen Lenkstange steuert Tim das Fluggerät, zunächst noch ohne fahrbaren Untersatz. „Man muss zuerst ein Gefühl für den Kite und die eigenen physikalischen Möglichkeiten bekommen“, erklärt Retzlaff. So muss ein Kiteboarder sein „Windfenster“ im Auge behalten, den Luftbereich, in dem er sicher fliegen kann. „Wenn ich mein Windfenster verlasse, reißt die Luftströmung ab und der Drache stürzt ab“, warnt er.

Wer seinen Drachen gut beherrscht, kann mit ihm physikalische Grenzen ausloten: Profi-Kiteboarder fliegen an windigen Küsten an die 100 Meter weit und über 20 Meter hoch. Derartige Rekorde sind in Berlin nicht zu schaffen, dafür ist der Stadtwind zwischen den Häusern zu böig. Aber kunstvolle Flugeinlagen gelingen trotzdem. Zum Beispiel der Rotationssprung: Der Landboarder wirbelt einmal oder mehrmals um die eigene Achse wie ein fallendes Blatt im Wind.

Anders als es diese spektakulären Sprünge vermuten lassen, ist Kiten ein entspannter Freizeitsport. Die meisten Kite-Landboarder heben nicht ab, sondern rollen sicher über den Boden. „Nach einem zweistündigen Einstiegskurs können etwa 90 Prozent der Teilnehmer die ersten Meter sicher auf dem Mountainboard fahren“, schätzt Tim Retzlaff.

Beim Kite-Landboarding kannst du entspannen oder auf Action fahren. Je nach Windstärke kannst du jeden Tag etwas anderes machen.

Kite-Landboarding ist ein Sport für alle Altersklassen. Der älteste Schüler von Tim Retzlaff hat erst mit 74 angefangen. „Er ist vom Windsurfen aufs Kite-Landboarding umgestiegen“, berichtet sein Lehrer. „Da muss er weniger Material schleppen und kann gleich vor der Haustür aufs Board.“

Tim Retzlaff kann die Entscheidung gut verstehen: „Je nach Windstärke kannst du jeden Tag etwas anderes machen. Du kannst entspannen oder auf Action fahren.“ Der Herbst mit seinen hohen Windgeschwindigkeiten wird toll. Aber auch im Winter hat sich Tim Retzlaff schon auf dem Snowboard durch Berlin ziehen lassen: „Kiten wird nie langweilig!“

Kitesegel
Tim Retzlaffs persönlicher Rekord: 60 Stundenkilometer auf einer Rügener Landstraße

HOWOGE-Drachenfest

Tipps zum Abheben

Drachenfest feiern.

Sanfte Sonne, frischer Herbstwind – wer will da nicht wie ein Vogel durch die Lüfte fliegen? Beim HOWOGE-Drachenfest kommen Sie dem Himmel zumindest etwas näher: Lassen Sie mit Ihren Kindern den Drachen in die Höhe klettern. Jagen Sie Ihren selbst gebastelten Papierflieger zum Weitflug-Rekord. Ihre Kinder springen auf dem Trampolin der Sonne entgegen oder lernen beim Jonglieren, wie Bälle scheinbar schwerelos in der Luft tanzen können. Ein Familienfest rund ums Fliegen – Drachen nicht vergessen! 
3. Oktober, 11-17 Uhr, Wiese am Hagenower Ring, S-Bhf. Wartenberg, www.howoge.de/drachenfest

Lenkdrachen ausprobieren.

Geübten Drachenpiloten wird es am klassischen Einleiner schnell langweilig. Ein Lenkdrache mit zwei Leinen ist eine neue Herausforderung. Mit ihnen kann man Loopings und andere tolle Figuren in der Luft fliegen. Tim Retzlaff empfiehlt, auch für künftige Landboarder, zum Einstieg einen Matten-Kite. „Den kann man prima alleine starten. Wenn der Wind weht, füllt er sich automatisch mit Luft. Außerdem ist er robuster, wenn er mal abstürzt.“

Handschuhe mitnehmen.

Ein Paar Handschuhe mildern den Druck der Drachenleine und verlängern das Vergnügen: Vor allem Kinder haben so länger Spaß am Drachenzähmen.

Vorsicht walten lassen.

Gefährliche Oberleitungen gibt es am Hagenower Ring zum Glück nicht. Aber bitte achten Sie auf großzügigen Sicherheitsabstand zu anderen Besuchern. Faustregel der Profi-Kiter: Sicherheitsabstand gleich doppelte Leinenlänge.