Kiezgeschichten

Kein Mann für eine Stunde
Sep 2016

Kein Mann für eine Stunde

Normalerweise trinkt Ulli Zelle Kaffee, und zwar fix! Eine Teezeremonie im Chinesischen Garten stellt seine Geduld auf die Probe.

Am liebsten trinke ich Kaffee. Leidenschaftlich gern Kaffee! Irgendwie gehört das zum Beruf als Reporter. Meist muss es schnell gehen, meist wird der Becher Kaffee am Automaten gezogen, meist wähle ich Cappuccino. An einem Tag mit mal wieder vielen Cappuccini – wie der Italiener in der Mehrzahl sagt – hatte ich noch einen Drehtermin mit meinem Kamerateam in den Gärten der Welt, genauer gesagt: im Chinesischen Garten.

Ich war noch nie da. Aber nach ein paar Schritten im Grün wähnte ich mich schon im Reich der Mitte. Ja, hier ist China, mit seinen Pagoden, seinen Tempeln und Teichen und einem ziemlich großen roten Teehaus. Dort „regiert“ Frau Yali, eine dunkelhaarige Frau aus Fernost, von feiner Statur, in einem ebenso feinen Seidenkostüm mit klassischen chinesischen Mustern. Frau Yali ist eigentlich Landschaftsarchitektin und seit zwei Jahrzehnten mitverantwortlich für die authentische Gestaltung des Gartens. Alles, was hier an Gebäuden und Kunstwerken steht, wurde im Fernen Osten ausgesucht und in Marzahn-Hellersdorf wieder aufgebaut. Alles ist echt!

Vor dem Teehaus mit dem geschwungenen Dach liegt der 5.000 Quadratmeter große Teich mit Goldfischen und Seerosen. Auf seinem Grund glitzern Münzen. Geld ins Wasser zu werfen, soll Glück bringen. Ich hatte das Glück, von Frau Yali zur Teezeremonie eingeladen zu werden. Pech für einen rasenden Reporter, der auf die Schnelle Kaffee trinkt: Denn eine solche Teezeremonie dauert eine Stunde! Eine Stunde, um einen Tee zu kochen? Wie bitte?

Ja, so wird es in China auf der Teeakademie gelehrt und auch Frau Yalis Helferinnen sind durch diese harte Schule gegangen: Wang Cui und Ying Ying assistieren der Meisterin. Die Prozedur beginnt schon beim Tisch. Der muss an der richtigen Stelle stehen (wegen der guten Geister). Was an Geschirr auf den Tisch kommt, wird zuvor aufwendig gespült und angewärmt. Es gibt Kännchen und Tassen aus Ton, Glas und Porzellan (klar, Made in China). Zu jedem Gefäß passt ein anderer Tee. 30 Sorten hat Frau Yali im Angebot. So viele Kaffeevarianten gibt es nicht mal bei den einschlägigen amerikanischen Kaffeeketten.

Der Kaffeetrinker wird ungeduldig, aber diese kleine chinesische Welt wirkt äußerst beruhigend.

Endlich bekomme ich das Teeglas. Aber drin liegt nur ein nussgroßes Kügelchen. Gepresster Tee? Ein Vorläufer des Teebeutels? Mitnichten, so etwas gibt es hier nicht! Bitte etwas Geduld! 
Frau Yali bringt heißes Wasser. Und gießt auf. Jetzt heißt es Ruhe bewahren, einkehren in sich selbst. Der Kaffeetrinker wird ungeduldig, aber das Umfeld in dieser kleinen chinesischen Welt wirkt ungemein beruhigend: himmlischer Frieden!

Zeit zum Erzählen, wie es so ist in Sichuan, wo Frau Yali aufwuchs, am Jangtsekiang, dem langen Fluss. Und schon spürt auch der Kaffeetrinker: Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss ... Der Tee atmet, arbeitet seiner Reife entgehen. Die kleine Kugel im Glas erwacht zu neuem Leben, wird eine blühende Blume und entfaltet einen feinen Geschmack. Das ist viel schöner, als auf den Cappuccino-Knopf des Kaffeeautomaten zu drücken. Das ist „Tee-Art“, die Kunst des Genießens.

Frau Yali und ihre Assistentinnen haben mich überzeugt. Sie haben mich mitgenommen auf eine Reise in ein anderes Land: nach China im Nordosten Berlins. 
Die Gärten der Welt bieten darüber hinaus die Möglichkeit, auch auf andere Kontinente zu reisen, zumindest in der Welt der Botanik. Ich komme gern wieder. Spätestens am 17. September, dann wird im Chinesischen Garten das Mondfest gefeiert. Nach alter Kaisersitte. Die Herrscher aus der Verbotenen Stadt huldigten unserem Trabanten mit einem Fest und das ganze Volk feierte mit. Bis heute ist es der zweitwichtigste Feiertag Chinas. Mit traditionellen Mythen und Mahlzeiten. Dazu gehört auch ein Mondkuchen. Und natürlich ein großes chinesisches Feuerwerk. Am nächsten Tag gehe ich wieder Kaffee trinken. Aus Zeitgründen ...

ZELLES ZEILEN

Natur braucht ihre Zeit, lernt Ulli Zelle in den Gärten der Welt.

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