Kiezgeschichten

„Jeder soll essen, was er mag!“

„Jeder soll essen, was er mag!“

Der Arzt und Komödiant Eckart von Hirschhausen erklärt, warum Handys beim Abnehmen helfen und wie Sie Humor und Achtsamkeit trainieren können. Außerdem berichtet er von einem Wunder in Hohenschönhausen.

mieteinander: Herr von Hirschhausen, Ärzte sagen oft: Achten Sie auf Ihre Ernährung. Wie wichtig ist das richtige Essen für unsere Gesundheit?

Eckart von Hirschhausen: Jeder soll essen, was er mag. Ich bin allergisch auf idiotische Ernährungsberater, die in diesem Jahr dies und nächstes Jahr das Gegenteil erzählen. Haben die Ernährungswissenschaften womöglich kollektiv aus falsche Pferd gesetzt? Vielleicht weil es gar nicht um „vernünftige Ernährung“ geht, sondern ums Essen mit Freude? Und mit Freunden? Kann es sein, dass das Geheimnis der mediterranen Kost gar nicht im Essen liegt, sondern in der Tischgemeinschaft? In Deutschland wird immer häufiger alleine gegessen. Und immer weiter zugenommen. Nicht was, sondern wie wir essen, macht uns dick! Da muss man ran. Und dann muss keiner mehr darüber diskutieren, was denn nun gesünder sei: drei Vierkornbrötchen oder vier Dreikornbrötchen! 

Wie erkenne ich den Moment, an dem ich zu viel des Guten esse?

In dem Moment, in dem man es spürt, ist es schon zu spät. Unsere Evolution hat uns super vorbereitet, mit längeren Hungerphasen klarzukommen, aber für Phasen des Überflusses sind wir nicht geschaffen. Da fehlt uns das Warnsignal. Deshalb ist es weise, nur 80 Prozent von dem zu essen, was man eigentlich essen wollte. Anschließend zehn Minuten Pause machen. Dann merkt man oft schon: Es reicht! 

Wie sinnvoll sind Diäten?

Womit ich gerade gute Erfahrungen mache: Intervallfasten. Die Idee läuft unter „18 zu 10“ oder „5 plus 2“. Die Essenspause kann zum Beispiel von 18 Uhr abends bis zum nächsten Vormittag um 10 Uhr gehen. Zwischen 10 und 18 Uhr hat man ja acht Stunden lang Zeit zu essen. Die Variante „5 plus 2“ konzentriert sich auf zwei Fastentage in der Woche.
Das ist ein weiterer Vorteil des Intervallfastens: Statt sich ständig zu quälen und dann wieder rückfällig zu werden, konzentriert man seine Willenskraft. Wer zwei Fastentage in der Woche durchhält, kann an den anderen Tagen essen, was er will.
Das klingt künstlich, ist aber nah dran an unserer steinzeitlichen Prägung. Vor 10.000 Jahren stand nicht immer um 12.30 Uhr das Essen auf dem Tisch, sondern rannte vielleicht noch einen halben Tag vor einem weg. Es gab erst dann etwas, wenn die Jagd erfolgreich war.
Seit unsere Nahrungssuche mit drei Schritten zum Kühlschrank erledigt ist, kommt unser Körper gar nicht dazu, seine Reserven anzuknabbern. Deshalb: längere Essenspausen ohne Zwischensnacks und Süßes. Dann kann die Bauchspeicheldrüse mal „durchatmen“, denn sie braucht kein Insulin auszustoßen. Die Zellen erholen sich und endlich werden die eigenen Fette verbrannt. Bei mir sind acht Kilo schon weg. 

Wirkt „Superfood“? Und falls ja, welches?

Das ist Supermarketing! Goji-Beeren und Chiasamen sind beinahe so gesund wie Paprika, Brokkoli oder Leinsamen. Aber weil sie teurer und exotischer sind, glauben wir gern, die könnten irgendwas Besonderes. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht weder Superfood noch Nahrungsergänzungen. Mich ärgert, dass wir geschätzt eine Milliarde Euro allein für Vitaminpräparate ausgeben, die nachweislich nichts nützen und in höheren Dosen sogar schaden. Und ein paar Tausend Kilometer weiter erblinden Kinder, weil ihnen tatsächlich Vitamine fehlen. Deshalb spende ich einen Teil des Erlöses von meinem Buch an die Welthungerhilfe, damit in Zimbabwe vitaminhaltiges Gemüse angebaut wird. Das ist „Superfood“, wo es gebraucht wird.

Der zweite Ratschlag vom Arzt lautet immer: Sie sollten sich mehr bewegen. Warum?

Die Forschung ist sich einig: Das beste Wundermittel der Medizin ist Bewegung! Und dabei zählt jedes Treppensteigen, jeder Gang mit dem Hund, jedes Telefonat! Wenn Sie einmal auf Ihre Handyrechnung schauen, sehen Sie, wie viele Minuten pro Monat Sie telefoniert haben. Die Dinger heißen ja Mobiltelefone, weil man sich damit ohne Schnur bewegen kann! Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, bei längeren Gesprächen einfach um den Block zu gehen. Macht bessere Laune, bessere Gespräche, und am Ende des Tages müssen Sie nicht mehr ins Fitnessstudio – höchstens zum Krafttraining.

Solange du atmest, ist mehr an dir gesund als krank.

Alle sprechen von Achtsamkeit: Was ist das?

Achtsamkeit ist eine Variante der Meditationspraxis: Man lässt Gedanken und Gefühle fließen und beobachtet sie, ohne sie dabei zu ignorieren, zu unterdrücken oder zu beurteilen. Bereits in einem Kurs über acht Wochen mit einer Übungsstunde in der Woche lassen sich diese wichtigen Übungen erlernen. Gegen Stress, Burn-out und bei chronischen Schmerzen hilft es sehr, wenn man seine Aufmerksamkeit bewusst lenken kann, statt sich als Opfer der Umstände zu empfinden. Weil es so gesund ist, zahlen die Kassen diese Kurse. Jon Kabat-Zinn hat die Meditation in die westliche Medizin integriert und damit Außerordentliches geleistet, weltweit! Zinn hat mal gesagt: „Solange du atmest, ist mehr an dir gesund als krank.“ Stimmt!

In Ihrem Buch „Wunder wirken Wunder“ erzählen Sie von einem Wunder, das Sie in Hohenschönhausen erlebt haben.

Kurz nach der Wende fand dort in einer Sporthalle das Seminar eines amerikanischen Trainers mit indianischen Wurzeln statt. Ich habe erlebt, wie ein Teilnehmer, der sein Gehör nach einem Autounfall verloren hatte, plötzlich wieder hören konnte. Diese Geschichte ist über 25 Jahre her, und sie hat mich nicht losgelassen. Ich ärgere mich bis heute, dass ich vor lauter Ergriffenheit nicht die Gelegenheit genutzt habe, um mit dem Teilnehmer in der nächsten HNO-Ambulanz einen Hörtest zu machen. Für Skeptiker und Wissenschaftler ist ein Einzelfall ohne objektive Vorher-nachher-Dokumentation natürlich unbefriedigend. Für mich war es ein Ansporn, immer wieder mein Denken zu hinterfragen: Was geht? Was geht nicht? Was ist „normal“ und was „verrückt“?

Welcher „heilsame Zauber“ hilft Ihnen oft weiter?

Ich liebe es, zu singen und zu tanzen, innezuhalten – und kurz vor den Auftritten spiele ich Tischtennis, weil mich das konzentriert und in gute Stimmung versetzt. Wir haben ja einen großen LKW dabei mit der Technik, und da reist immer eine Ping-Pong-Platte mit. In „Wunder wirken Wunder“ gibt es ein ganzes Kapitel, wo es um Rituale und gesunde Angewohnheiten geht. Zum Beispiel sich morgens vor dem Aufstehen zu fragen: Wofür stehe ich heute auf? Und wenn einem nichts einfällt: bitte liegenbleiben!

Sie sagen: Humor hilft heilen. Kann ein Arzt das Lachen verordnen?

Lachen ist gesund, und Humor kann man trainieren! Zum Glück sagt das mittlerweile nicht mehr nur der Volksmund, sondern auch die Wissenschaft. In den letzten Jahren gab es eine Revolution in den Gesundheitswissenschaften und der Psychologie: Endlich wird nicht nur geschaut, was die Menschen krank macht, sondern auch, was sie gesund hält. Und da sind die zentralen Schutzfaktoren: Humor, Freunde und die Fähigkeit, seine eigenen Stärken zu nutzen. Auch Volkskrankheiten wie Depression, Übergewicht und Rückenschmerzen hängen eng mit der Stimmungsregulation zusammen. Und in der Psychotherapie wird zunehmend auf die positive Kraft von humorvollen Geschichten gesetzt. Sie ermöglichen es, die Perspektive zu wechseln und neue Lösungen zu finden. Die experimentelle Humorforschung ist natürlich schwieriger als ein Medikamententest, weil jeder Mensch über etwas anderes lacht. Meine Stiftung „Humor hilft heilen“ fördert Studien, um genauer herauszufinden, was wirkt. Aber wenn man keinen Sinn für Humor hat – welchen dann?

Lesetipp

Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen

In seinem Buch wirft Dr. Eckart von Hirschhausen einen heilsamen Blick auf die Heilkunst und stellt fest: Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus uns Menschen (Rowohlt Verlag, 19,95 Euro).

Mehr Infos zum Buch auf: www.rowohlt.de

HOWOGE Interview Hirschhausen
Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen:

Auftritte in Berlin

Bühnenprogramm „Endlich“,
18. bis 21. Dezember, 20 Uhr,
Universität der Künste,
Hardenbergstr. 33,
Tickets an allen bekannten VVK-Stellen
oder auf www.hirschhausen.com