Kiezgeschichten

Gartenglück für Großstädter
Sep 2016

Gartenglück für Großstädter

Schrebergarten war gestern. Immer mehr Großstädter mieten sich gleich ein Stück Acker, um Kartoffeln und Kohlköpfe anzubauen. Landwirt Gerald Vogel aus Wartenberg hat den nötigen Boden – und gute Tipps für reiche Ernte.

Feld mit Germüse
Gemietet wird der Acker nur für eine Saison, das verpflichtet weniger als ein Schreber-
garten: „Es ist unverbindlicher, das hat mir gefallen.“

Erntezeit in Wartenberg – und die Bäuerin ist überfordert. An den sattgrünen Sträuchern hängen dicke Ackerbohnen. Die prallen Schoten ziehen die Pflanzenstängel so tief hinab, dass einige schon die Krume berühren. Claudia Kunze rollt eine der haarigen Schoten zwischen den Innenflächen ihrer Hände und schaut etwas ratlos auf das Beet. „Die Bohnen sind reif“, sagt die 35-Jährige. „Ich weiß nur nicht so recht, was ich damit machen könnte.“ Aber als leidenschaftliche Köchin liebt Claudia Kunze die Herausforderung: „Es gibt eigentlich nichts, was ich nicht zubereiten kann“, sagt sie und lacht. Claudia Kunze ist entspannt, denn verkaufen muss sie ihr Gemüse nicht. Der Garten auf dem Acker bei Wartenberg ist nur ein Hobby. Hauptberuflich arbeitet die Pankowerin als Trainerin für Gesundheitsmanagement. Sie hilft Führungskräften, ihr Leben kräfteschonend zu organisieren. Eine wichtige Lektion für ihre Klienten: regelmäßig Auszeiten nehmen! Das macht Claudia Kunze auch selbst, wenn sie abends ihre schicken Büroschuhe gegen Gummistiefel tauscht und von Pankow in den alten Dorfkern von Wartenberg radelt, vorbei an kleinen Häuschen, hin zu ihrem Gemüsegarten: „Das ist mein Ausgleich“, sagt Claudia Kunze. „Im Garten bin ich immer im Hier und Jetzt.“ Sie genießt es, mit den Händen in der Erde zu arbeiten. Sie schleppt schwere Gießkannen, sucht die Blätter nach Kartoffelkäfern ab oder hockt zwischen den Furchen, um Unkraut zu zupfen.

Pflanzen eines Setzlings
Ihr Stück Acker mietet Claudia Kunze von Landwirt Gerald Vogel. Und der hilft mit Fachwissen und Geräten etwas nach, damit bei den Hobbybauern möglichst viel wächst

Der Garten gibt den Speisezettel vor. Gegessen wird, was reif ist. Das ist gar nicht so einfach für die berufstätige Frau. Nicht immer schafft sie es, die Ernte rechtzeitig einzuholen. Man sieht es am Spinat – der blüht bereits. Aber heute nimmt sich die junge Frau erst einmal Zeit, um die Erbsen zu ernten. Deren Schoten sind viel kleiner und glatter als die haarigen Hülsen der Ackerbohnen. Claudia Kunze knipst mit den Fingern eine kleine Schote von der Pflanze. Sie schiebt vorsichtig den Fingernagel an der Schotennaht entlang, die sich wie ein Spalt öffnet. Zum Vorschein kommen zart schimmernde, glatte Perlen. Die Gärtnerin schiebt sich drei der hellgrünen Erbsen in den Mund. „Ich wollte ja schon immer raus aufs Feld, mein Gemüse in richtigem Boden ziehen, statt in Töpfen“, sagt sie. Zumal auf der Terrasse in Pankow nichts so recht wachsen wollte. Als auch noch die Blattläuse dazukamen, wuchs ihre Sehnsucht nach einem echten Nutzgarten. Vielleicht auch, weil daran stets Erinnerungen aus ihrer Kindheit geknüpft waren. Noch gut im Gedächtnis sind ihr die vielen Tage, die sie als Mädchen zwischen Sträuchern und Bäumen des elterlichen Gartens in Brandenburg verbrachte. Oder wie sie im Herbst mit Vater und Mutter zur Nachlese über die Kartoffelacker gestapft ist. „Das kommt mir immer in Erinnerung, wenn ich jetzt meine eigenen Kartoffeln aus der Erde ziehe. Überhaupt esse ich nun mal gerne Gemüse“, sagt sie und schaut auf die in den Beeten gedeihenden Pflanzen. „Da drüben wächst Wirsing. Und da hinten Zucchini – drei grüne und drei gelbe. Die werde ich süßsauer einlegen, als Antipasti servieren oder einfach Chips daraus machen.“

Bauer Gerald Vogel
Bauer Gerald Vogel hält jede Woche Sprechstunde auf seinem Feld. Kommt der Kartoffelkäfer, schickt er eine Warnmail an die Hobbybauern.

45 Quadratmeter misst Claudia Kunzes Miniacker. Das klingt klein im Vergleich zu der Anbaufläche, die ihr Vermieter bewirtschaftet: Auf rund 100 Hektar Land baut Gerald Vogel hier in Wartenberg vor allem Salate und Kräuter an, mit denen er täglich Berliner Supermärkte beliefert. Dass nun Städter wie Claudia Kunze den Weg zu ihm aufs Land nehmen, um ihre Kräuter selbst zu hegen, bringt den Gartenbauingenieur zum Schmunzeln. Seit 2011 vermietet der 51-Jährige Teile seines Bodens an Hobbybauern. Rund 170 solcher Parzellen gibt es auf seinem Acker.

Die Vermittlung übernimmt „Meine Ernte“. Hinter dem bundesweit tätigen Unternehmen aus dem Rheinland stehen Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer.

Namen für Parzellen

2011 hatten die damaligen Betriebswirtschaftsstudentinnen die Idee, Gemüsegärten zu vermieten. Denn immer öfter suchen Großstädter nach Möglichkeiten der Selbstversorgung. Gerade junge Menschen möchten wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie angebaut werden. „Urban Gardening“ heißt dieser Trend einer ökologisch nachhaltigen Lebensweise. Inzwischen bietet „Meine Ernte“ in Zusammenarbeit mit lokalen Landwirten ihre Miet-Gemüsegärten an 25 Standorten deutschlandweit an. In Berlin gibt es noch einen weiteren Acker in Rudow. Zum Rundumservice gehört auch professionelle Unterstützung für die zumeist ahnungslosen Freizeitlandwirte. „Wer einem Beruf im Büro nachgeht, hat ja kaum noch Zeit dafür, sich einen Garten zuzulegen“, weiß Gerald Vogel. „Mit meiner Hilfe klappt das.“ Damit es im Herbst eine reiche Ernte gibt, pflanzt der Wartenberger schon vor der Saison in einem Teil der Beete 20 Gemüsesorten an. Die Hobbygärtner müssen nur noch gießen, Unkraut jäten, Schädlinge bekämpfen und ernten. In einem Bauwagen auf dem Feld stehen Gerätschaften wie Gießkannen, Schaufeln und Harken bereit. Zudem hält Gerald Vogel jede Woche Sprechstunde auf seinem Feld und beantwortet Fragen der Gärtner. Aktuelle Hinweise schickt er per Mail in die Runde, zum Beispiel, wenn der Kartoffelkäfer die Ernte bedroht. Eine kleine Freifläche lässt Gerald Vogel in jeder Parzelle unangetastet. Dort können die Gärtner ganz auf eigenes Risiko Nutzpflanzen oder Blumen ziehen.

Bauwagen mit Werkzeug

Mit fantasievollen Namensschildern stecken die Hobbybauern ihre Parzellen ab. In einem Bauwagen lagert Profiwerkzeug zum Ausleihen

Der wichtigste Ratschlag des Fachmanns lautet: Ein Garten braucht Gelassenheit. „Die meisten Anfänger machen sich viel zu viele Gedanken ums Gießen“, berichtet Gerald Vogel. „Dabei gibt es in unseren Breitengraden eigentlich genug Regen.“ Zudem seien nicht alle Gemüsesorten gleich durstig. „Gurken brauchen mehr Wasser als Kartoffeln.“ Nur in Trockenzeiten sollten Gärtner auf ausreichende Bewässerung achten. Für Claudia Kunze ist es die erste Saison im Gemüsegarten. Bis November kann sie noch ernten. Gemietet wird bei „Meine Ernte“ immer nur für eine Saison, das macht die Landwirtschaft nicht zu einer Verpflichtung für mehrere Jahre, wie es bei Schrebergärten üblich ist. „Es ist unverbindlicher“, gesteht die Städterin, „das hat mir gefallen.“ Dennoch schätzen die Gelegenheitsgärtner das Gefühl, zumindest einen Sommer lang die eigene Scholle zu beackern. Die meisten haben ihr einen fantasievollen Namen gegeben. Er steht auf kleinen weißen Schildern, die an einem Holzscheit in die Furchen gerammt sind: „Ökopia“ heißt es da, „Erbsenzählerei“, „Marienkäfers Spielwiese“ oder einfach nur „Lutz sein Garten“. Auch Claudia Kunzes Gartenglück trägt einen Namen: „Zeit für Achtsamkeit“. Sie genießt jeden Moment auf dem Feld. „Der Garten ist wie ein guter Freund“, sagt sie. „Und Freundschaften wollen gepflegt werden.“

Als Ausgleich zum Bürojob arbeitet Claudia Kunze gerne mit den Händen in der Erde: „Im Garten bin ich im Hier und Jetzt“

Auch interessant

Wir haben einige geniale Tipps für Sie, mit denen der Anbau von Gemüse und Früchten zum Kinderspiel wird.


Acker auf Zeit

Und so funktionieren die „Gemüsegärten zum Mieten“ von „Meine Ernte“: Zum Saisonbeginn im Mai wird Gartenfläche mit 20 Gemüsesorten fertig bepflanzt oder besät. Der Mieter ist für Pflege und Ernte zuständig. Geräte werden gestellt. Auf einer kleinen Freifläche kann der Mieter sein Lieblingsgemüse aussäen. Geerntet wird in der Regel bis November. Interessenten können sich schon jetzt für die Saison 2017 vormerken lassen und ab 28. Oktober verbindlich buchen. In Wartenberg sind noch Parzellen frei. Mit der Pacht von 199 Euro (45 Quadratmeter) bzw. 369 Euro (90 Quadratmeter) sind alle Kosten für Gemüse und Wasser abgegolten.
www.meine-ernte.de