Kiezgeschichten

Frühling in Hanoi

Frühling in Hanoi

rbb-Reporter Ulli Zelle geht in seiner neuen Kolumne auf Erkundungstour durch Berlin – und entdeckt Vietnam in Lichtenberg.

Mein Job als rbb-Reporter führt mich jeden Tag in einen anderen Winkel Berlins. Ich entdecke die Stadt täglich neu, lerne sympathische Leute kennen, interessante Ecken. Der Beruf wird zum Abenteuer. Und manchmal sogar zur Weltreise. Kürzlich habe ich eine „gefühlte Reise“ nach Hanoi gemacht – die Hauptstadt Vietnams liegt in Lichtenberg, gleich in der Herzbergstraße.

Zu DDR-Zeiten war dort der VEB Elektrokohle, ein riesiger Industriekomplex. Ein paar Gebäude davon stehen noch. Aber auf alter Industriebrache wuchs eine „Frühlingswiese“. Auf Vietnamesisch klingt das schöner: „Dong Xuan“. So heißt das Klein-Hanoi in Lichtenberg.  Dieses Areal mit sieben Hallen und fast 300 kleinen Läden macht den Kiez so international wie kaum einen anderen in Berlin.

Schon auf den ersten Metern in den schmalen Gängen der Hallen tauche ich in eine andere Welt: Es riecht anders, es klingt anders, es sieht anders aus.  In den Läden stapelt sich die Ware, Textilien liegen nicht auf Tischen, sondern auf Teppichen. Die Regale quellen über, es sieht aus wie in einem „Kaufhaus Kunterbunt“ – nein, knallbunt! Es blinkt, glänzt und glitzert überall.

Die großen Gemüseläden und die kleinen Lokale verströmen einen Duft von Fernost: süßsauer Frittiertes, scharfer Pfeffer, würzige Räucherstäbchen. Aus den Lautsprechern rieselt ein Musikmix aus traditioneller und moderner vietnamesischer Musik, er wird durchdrungen von Wortfetzen verschiedener Sprachen, denn hier arbeiten und kaufen neben den Vietnamesen auch Inder, Afghanen, Pakistani und Menschen vieler anderer Nationen.

Für Vietnamesen ist das Dong Xuan Center nicht nur Arbeitsplatz und Einkaufsquelle, sondern auch ein Stück zweite Heimat. Die meisten von ihnen kamen schon zu DDR-Zeiten nach Berlin, um hier zu arbeiten. Und geschätzt leben heute noch über 10.000 in der Stadt. Ich treffe ausnahmslos auf äußerst höfliche und freundliche Menschen. Und fleißige! Längst machen die Vietnamesen den Japanern den Ruf als „Preußen Asiens“ streitig.

Der Gemüsehändler lässt mich nicht mehr gehen und erzählt, welche Wunder die Bittergurke bei Diabetes vollbringt.

Obwohl in einigen der Miniläden ein kleiner Altar zu Ehren der Ahnen aufgebaut ist, gelten die Vietnamesen nicht als sonderlich religiös. Das macht das Zusammenleben mit Menschen anderen Glaubens entspannt. Im Dong Xuan Center treffe ich auch einen indischen Händler, ein Hindu mit Turban. Er sagt: „Hier werde ich von allen respektiert und toleriert.“

Nach ein paar Stunden auf der „Frühlingswiese“ habe ich fast vergessen, dass ich ja noch in Lichtenberg bin. Ein brummiges „Ooch mal hier, Herr Zelle?“ bringt mich zurück nach Berlin. Ich treffe viele deutsche Kunden, die zum Teil von weit her kommen. Sie finden es in Lichtenberg „exotisch“, lieben die Atmosphäre und die freundliche Art der Asiaten.

Ich komme mit zwei Damen ins Gespräch, die sich gerade abmühen, mit Essstäbchen Reiskörner aufzuspießen. Beide schwelgen hier in Urlaubsgefühlen: Dong Xuan – das sei für sie Abtauchen aus dem Alltag.

Ich schaue in fast jeden Laden, aber das meiste will ich nicht kaufen: viel Nippes und Krimskrams made in China ist dabei. Gucken macht trotzdem Spaß. Oder der eine oder andere deutschvietnamesische Small Talk. Der Gemüsehändler lässt mich gar nicht mehr gehen und erzählt, welche Wunder die Bittergurke bei Diabetes vollbringt und welches Gemüse dem Krebs vorbeugt.

Ich höre mich langsam rein, in die Melodie seiner Sprache, und doch verstehe ich ihn nicht immer – und nicht immer jedes Wort. Auf das „Abenteuer Friseur“ im Dong Xuan will ich mich deshalb nicht einlassen, obwohl es viele kleine Salons gibt, mit nettem Personal und niedrigen Preisen, aber auch Kommunikationsproblemen mit ihren Kunden … Aber am wichtigsten war mir ohnehin das Entdecken und Erleben mit den Augen, Ohren, der Nase und dem Gaumen: am Ende meiner kleinen Vietnamreise in der Herzbergstraße in Lichtenberg.