Kiezgeschichten

Erste Hilfe nach der Flucht
Mär 2015

Erste Hilfe nach der Flucht

Das AWO-Refugium Lichtenberg ist eine erste Anlaufstelle für Flüchtlinge aus aller Welt. Zu Besuch auf einer gut organisierten Rettungsinsel.

Ist von Berliner Flüchtlingsheimen die Rede, fallen derzeit oft Begriffe wie Containersiedlung und Traglufthalle. Dabei leben viele Asylsuchende in Wohnhäusern, ganz unauffällig und hervorragend organisiert. Ein Beispiel ist das AWO-Refugium Lichtenberg. Die Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) besteht aus zwei Häusern in einer Reihe zehnstöckiger Wohntürme in Herzberge. Hier leben 350 Personen, darunter 150 Kinder. Ataschka (39) und Hava A. (35) aus Turkmenistan teilen sich mit ihren Kindern Asad (11), Ashab (9) sowie den Zwillingsschwestern Lida und Lika (beide 3) zwei kleine Zimmer. Vater Ataschka zeigt sich beeindruckt vom reibungslosen Zusammenleben: „Die Atmosphäre hier im Heim ist so menschlich. Wir fühlen uns sehr wohl.“

Die Atmosphäre hier im Heim ist so menschlich. Wir fühlen uns sehr wohl.

Das Refugium ist eine Rettungsinsel für Menschen aus aller Welt, die meisten stammen aus krisengeschüttelten Ländern wie Syrien, Irak, Eritrea oder aus Diktaturen wie Turkmenistan. Viele wurden Opfer von Folter und Vergewaltigung. „Fast alle unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind traumatisiert“, sagt Einrichtungsleiterin Birgit Bauer. „Unsere Kinder bauen mit Legosteinen keine Häuser, sondern packen sie in Taschen und spielen Flucht.“

Im AWO-Refugium Lichtenberg fassen die Verängstigten wieder Vertrauen. Zur Eingliederung in ein normales Leben gehört auch eine Privatwohnung. Nach spätestens drei Monaten sollen die Bewohner die Sammelunterkunft verlassen. Sie ist nur als erste Anlaufstelle gedacht. Trotzdem ist Familie A. schon mehr als ein halbes Jahr hier. Auf dem Mietmarkt hat sie kaum Chancen. „Dabei ist eine eigene Wohnung wichtig, damit die Leute wieder in ihre Selbstständigkeit zurückfinden“, betont Birgit Bauer.

Die Heimbewohner wollen nicht nur herumsitzen und warten. Viele engagieren sich im Refugium, sie halten zum Beispiel das Gelände sauber. Ataschka unterstützt die Hausmeister, etwa bei Malerarbeiten für einen Euro pro Stunde. „Sie alle wollen heraus aus der Abhängigkeit, auf Hilfe angewiesen zu sein“, sagt Bauer. „Sie wollen für sich selbst sorgen können.“

Das Engagement der Refugium-Bewohner sorgt für gute Nachbarschaft. Das Heim organisiert gemeinsame Angebote für alle Kinder im Kiez: Spielmobil, Graffiti-Kurs, ein Fußballturnier. Immer mehr Lichtenberger bieten ihre Hilfe an. Gerade hat sich ein 82-jähriger Lehrer vorgestellt. Seit Januar hilft er Kindern beim Deutschlernen. Für ihn sei das selbstverständlich, er kam als kleines Kind nach Berlin – als Flüchtling aus Ostpreußen. 

Zeit spenden

Wer das AWO-Refugium Lichtenberg unterstützen möchte, kann auch Zeit spenden: für Sprachtraining, Begleitung zu Ämtern und Kinderbetreuung. Informationen bei Heimleiterin Birgit Bauer unter (030) 680 790 270 und www.awo-mitte.de