Kiezgeschichten

Entfesselte Musik ohne einen Dirigenten

Entfesselte Musik ohne einen Dirigenten

Die Bürgersinfonie Berlin will mehr Demokratie wagen: Das Orchester spielt in großer Besetzung, aber ohne einen Dirigenten. Das fordert jeden Einzelnen und setzt ungeahnte Kräfte frei. Sogar die Zuhörer dürfen sich beteiligen.

An der Posaune ist Martin Majewski ein Profi. Sein zweitwichtigstes Instrument ist das Fahrrad. Radelnd erkundet der Musiker und Jurist aus Karow den Norden Berlins. „Ich nehme gerne Umwege“, sagt der 50-Jährige, der hauptberuflich bei einem Berufsverband für Musiker arbeitet. „Ich gucke immer nach besonderen Konzertorten, zum Beispiel Lokschuppen.“ Warum sollte man Wiener Klassik nicht mal in einer alten Berliner Scheune spielen? „Ungewöhnliche Kombinationen sind die spannendsten“, findet der gebürtige Braunschweiger.

Auf einer seiner Radtouren hat Martin Majewski vor fast drei Jahren den Künstlerhof in Buch entdeckt. Beim Blick durch die verglasten Torbögen ist er begeistert: Die Wände sind aus unverputztem Backstein, mächtige Holzbalken stützen das Dach, gleichzeitig versprühen ein Kristallleuchter und rotgoldene Ornamente an den Wänden Opernflair. Der an der Universität der Künste ausgebildete Posaunist macht die Betreiber ausfindig und lässt sich die Scheune von innen zeigen. Dort klatscht er einmal in die Hände, um zu hören, wie Boden und Wände den Hall zurückgeben. Sein Urteil ist euphorisch: „Hier müssen wir Musik machen!“ Die Scheune auf dem Stadtgut Buch bietet eine ideale Akustik. „Hier klingt klassische Musik so gut wie in den bekannten Konzertsälen Berlins“, schwärmt Martin Majewski.

Die Scheune hat ihn nicht mehr losgelassen. Hier sollte schöne Musik spielen. Also gründet er mit befreundeten Musikern die Bürgersinfonie Berlin und beginnt eines der interessantesten Musikexperimente der Stadt: ein Sinfonieorchester, das ohne einen Dirigenten spielt. „Im Frühjahr 2013 habe ich ein Konzept geschrieben und bekannte Musiker angefragt“, erzählt Martin Majewski. „Als Erstes habe ich mich mit Bratsche und Cello zusammentelefoniert, weil ich wusste: Die beiden sind gut vernetzt.“ Schnell hatten die drei ein Ensemble aus 20 Leuten zusammen. Ihr Pilotprojekt: die erste Sinfonie von Robert Schumann. „Viele waren anfangs skeptisch“, erinnert sich Martin Majewski. „Eine Schumann-Sinfonie ohne einen Dirigenten? Das ist riskant!“

Ohne einen Taktgeber zu spielen, ist kein Problem für einen Profi. In der Kammermusik ist das die Regel: Zwei bis neun Musiker musizieren zusammen, zum Beispiel als Klaviertrio mit Pianist, Cellist und Violinist. Aber in großer Besetzung? „Das war ein Experiment“, gesteht Martin Majewski. Das große Vorbild der Berliner ist das Orpheus Chamber Orchestra aus New York. Gegründet wurde es 1972, aber eine Bewegung hat es nicht ausgelöst. Viele Musikstücke sind einfach zu komplex. Eine Mahlersymphonie mit über 50 Mitwirkenden, Singstimmen und Chor funktioniert nicht ohne einen Orchesterleiter. Dazu kommt: Der oft verspottete „Diktator mit Taktstock“ macht Konzerte effizienter. „Mit einem Dirigenten würden zwei Probentage für eine Schumann-Sinfonie locker reichen“, erklärt Martin Majewski. Die demokratische Bürgersinfonie braucht für das gleiche Stück vier bis fünf Tage. Die Mitwirkenden müssen sich erst einmal auf eine Interpretation einigen.

Aber das ist es den Musikprofis wert: Schon nach dem ersten Durchlauf der Schumann-Sinfonie sind alle überzeugt:

Die Musiker sind skeptisch. Eine Schumann-Sinfonie ohne einen Dirigenten? Aber nach einem Durchlauf sind alle überzeugt.

Orchester – das geht auch demokratisch! „Viele Musiker fühlen sich regelrecht entfesselt, wenn sie ohne einen Dirigenten mit ihren Kollegen zusammenspielen“, berichtet Martin Majewski. „Das schafft mehr Kreativität.“ Sandrine Albrecht (38) kann das bestätigen. „Wir müssen einander ganz anders zuhören“, sagt die freiberufliche Klarinettistin. „Da steht vorne ja keiner, der einem zeigt: Hey, jetzt ist dein Einsatz!“

Die Abstimmung mit den Kollegen kostet allerdings Zeit. „Jeder hat ja eine eigene Auffassung des Stückes“, erklärt Sandrine Albrecht. „Allein das Grundtempo kann extrem schwanken. Auch die Konzertmeisterin sagt dann nicht: So geht’s nach vorne! Sondern wir diskutieren und probieren es aus.“

Dabei wird die Probenzeit absichtlich recht knapp angesetzt, wie Martin Majewski erklärt: „Es dürfen nicht zu wenige, aber auch nicht zu viele Probentage sein – damit wir nicht stundenlang debattieren.“ Dieses Prozedere schweißt das Ensemble am Ende zusammen. „Die Konzerterlebnisse mit der Bürgersinfonie sind auch deshalb so schön, weil es menschlich so nett ist“, berichtet Sandrine Albrecht. „Man hält immer Blickkontakt und freut sich mit einem Lächeln, wenn eine Stelle besonders gut klingt.“

Die Freude der Musiker überträgt sich auf das Publikum. Zum Sommerkonzert 2014 kamen über 400 Zuhörer ins Stadtgut Buch. „Wir mussten zusätzliche Bierbänke heranschleppen, damit alle sitzen konnten“, berichtet Martin Majewski begeistert. An die Stelle von philharmonischem Ernst tritt Festival-Fröhlichkeit: Die Zuhörer kommen mit dem Rad zur Scheune, trinken einen Kaffee im nahen Künstlerhof, Kinder klettern auf dem Spielplatz herum. „Die Toleranz bei unseren Zuhörern ist groß“, betont Martin Majewski. „Und wenn ein Baby kräht, gehen die Eltern halt kurz mal raus.“

Die fröhliche Atmosphäre gehört zum Konzept der Bürgersinfonie. Nicht nur das Orchester soll demokratisch sein, sondern auch seine Aufführungspraxis. „Zu unseren Konzerten soll die ganze Gesellschaft kommen können“, betont Martin Majewski. Vorwissen ist unnötig, wenn die Bürgersinfonie spielt. Ein Moderator erzählt etwas zu den einzelnen Stücken und ihren Komponisten. Der Eintritt beträgt höchstens zwölf Euro. Der Richtwert für Martin Majewski: „Ein klassisches Konzert sollte höchstens so viel kosten wie eine Kinokarte. Wer mehr geben möchte, kann das natürlich gerne tun.“

Das Wichtigste aber: Die Bürgersinfonie spielt tagsüber und ganz in der Nähe, damit auch ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern ohne Stress klassische Musik genießen können. Neben ihrem Ursprungsort Buch gastiert die Bürgersinfonie demnächst auch in Reinickendorf und Lübars. „Der Berliner ist ja ein Kiezmensch“, erläutert Martin Majewski. „Andere Stadtteile sind für ihn so weit weg wie eine andere Stadt.“ Das gelte umso mehr, wenn die Mobilität nachlasse. „Im Alter ist die halbe Stunde Fahrt zur Philharmonie am Potsdamer Platz schon eine Fernreise“, sagt Martin Majewski. Oder mit den Worten einer Besucherin des Bucher Sommerkonzerts: „Ein Konzert vor der Haustür ist doch viel schöner!“

Anders als im traditionellen Konzerthaus ist das Publikum der Bürgersinfonie auch viel näher dran am Orchester. „Die Zuschauer sehen genau, was wir machen und wie wir während des Stücks kommunizieren“, berichtet Martin Majewski. Manchmal verschwimmen sogar die Grenzen zwischen Profis und Laien: Beim Sommerkonzert 2014 trat erstmals „Bürgerbrass“ auf, ein zehnköpfiges Blechbläser-Ensemble aus den Berufsmusikern der Bürgersinfonie. Bei einzelnen Stücken wurden sie von Hobbybläsern unterstützt. Ein Wochenende lang hatten Profis und Laien dafür gemeinsam geprobt.

Ein demokratisches Orchester vermittelt Bürgertugenden: Wer in der Gruppe musiziert, kommuniziert auch im restlichen Leben rücksichtsvoller.

„Künstler und Publikum bilden bei der Bürgersinfonie eine Symbiose“, erläutert Martin Majewski. Seine Kollegen arbeiten regelmäßig mit Laien zusammen: mit dem Posaunenchor in Karow, der Geigenschule Thomas Posselt. Seit Dezember 2015 läuft das Projekt „MiniBrass“ für die Kinder in der Hohenschönhausener Feldmark-Schule (siehe unten). „Wir müssen die Menschen gar nicht an die Musik ranführen“, versichert Martin Majewski und lächelt. „Die musizieren genauso leidenschaftlich wie wir.“

Musik ist ein Gemeinschaftserlebnis. Das weiß Majewski, seit er als Zehnjähriger im Posaunenchor anfing: „Das schwingt in einem, ein Leben lang.“ Zudem schule das Orchester Bürgertugenden: Wer in der Gruppe musiziere, lerne auf andere zu achten, auch wenn er gerade beschäftigt sei. Wie sehr die Bürgersinfoniker harmonieren, ist am 24. April bei einem Kammerkonzert der Holzbläser zu erleben. Am 5. Juni folgt das Sommerkonzert der Bürgersinfonie: 35 Musiker – ganz ohne einen Dirigenten!

Mädchen spielt Posaune
Blechblasinstrumente sind ideal für Kinder: Die ersten Erfolge sind schnell zu hören

Mit Posaunen und Trompeten

Bei „MiniBrass“ an der Feldmark-Schule erfahren Kinder, dass Musik viel Spaß machen kann. Sie lernen Trompete und Posaune bei einer Blechbläserin der Bürgersinfonie. Die HOWOGE unterstützt das Projekt.

Laut mit der Trompete schmettern? In Mietshäusern ist das nicht so einfach,die Probenzeiten sind genau geregelt. Die jungen Blechbläser von „MiniBrass“ haben es besser: Sie können im Hort spielen. Im Dezember 2015 startete das gemeinsame Projekt der Bürgersinfonie Berlin und der Feldmark-Schule in Hohenschönhausen. Acht Viertklässler lernen hier einmal die Woche Trompete, Posaune oder Horn, angeleitet von der Tubistin der Bürgersinfonie. Jeden Nachmittag dürfen sie selbstständig üben. „Kinder sollen möglichst früh erleben, wie toll es ist, Musik zu machen“, erklärt Bürgersinfonie-Sprecher Martin Majewski. Die gebrauchten Instrumente haben die Mitglieder der Bürgersinfonie besorgt.

„Für die ersten Gehversuche in der Musik reichen sie vollkommen aus“, versichert der Posaunist Majewski. „Mit einem Blechblasinstrument kommt man recht zügig beim Spielen voran und hört schnell die ersten Erfolge“ – eine wichtige Motivation für junge Musiker. „Wir schauen mal, wie unser Versuchsballon in der Feldmark-Schule ankommt“, sagt Martin Majewski. Wächst das Interesse, werden die Bürgersinfoniker das Programm noch ausbauen. So könnten die neu eingerichteten Willkommensklassen für Flüchtlingskinder eingebunden werden. „Musik ist eine internationale Sprache“, betont Martin Majewski. „Sie ist ein Gemeinschaftserlebnis und verbindet Menschen aus aller Welt.“

www.feldmark-schule.de

Bürgersinfonie Berlin

Die Bürgersinfonie ist ein Orchester ohne einen Dirigenten. Das Ensem blelegt großen Wert auf den Austausch mit seinem Publikum. Interessierte Laien können in Workshops von den Profimusikern lernen und bei Konzerten gemeinsam mit ihnen auftreten.

Kooperationsanfragen und Spendeninformationen unter info@remove-this.buergersinfonie.de

Bürgersinfonie Berlin: Konzerttermine 2016

24. April, 16 Uhr, Kammermusik für Holzbläseroktett

5. Juni, 16 Uhr, Sinfoniekonzert (Mendelssohn: Ouvertüre „Ruy Blas“ und Violinkonzert in e-Moll; Brahms: 2. Sinfonie in D-Dur)

3. Juli, 16 Uhr, Kammermusik für Streicher und Holzbläser (Mozart: Klarinettenquintett; Rheinberger: Nonett)

8. Oktober, 18 Uhr, Schlosskirche Buch, Konzert mit dem Chor der Schlosskirche (Schubert: Kleines Stabat Mater und „Unvollendete“; Mendelssohn: Hör mein Bitten; Lauda Sion)

18. November, 18 Uhr, HTW Berlin, HOWOGE-Mieterkonzert, Infos auf www.howoge.de/mieterkonzert

Veranstaltungsort ist, falls nicht anders angegeben: Feste Scheune, Stadtgut Buch, Alt-Buch 45-51. Preisnachlass von zwei Euro für HOWOGE-Mieter gegen Vorlage der Servicekarte. Weitere Termine auf www.buergersinfonie.de