Kiezgeschichten

Die Neuen in der Traumfabrik
Dez 2014

Die Neuen in der Traumfabrik

Im Theater an der Parkaue bezaubert der „Ritter Trenk“ das junge Publikum. Ein guter Einstand für Oberspielleiterin Katrin Hentschel und Hauptdarsteller Konstantin Bez.

Wertolt der Wüterich hat keine Chance im Theater an der Parkaue: „Buuuuh“, tönt es aus 450 Kindermündern, jedes Mal wenn der Gegenspieler von Ritter Trenk die Bühne betritt. „Kinder reagieren sehr stark“, sagt Konstantin Bez, „ich kann an den Gesichtern ablesen, wie sehr sie dabei sind.“ Der 24-Jährige spielt die Hauptrolle im neuen Erfolgsstück des Jugendtheaters „Der kleine Ritter Trenk“. Auch wenn der grüne Drache landet, ergreifen die jungen Zuschauer sofort Partei. „Dreh dich um“, schallt es Trenk entgegen, „der Drache ist hinter euch!“ Für Konstantin Bez ist der Ritter Tränk die erste feste Rolle nach dem Abschluss an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München. „Kinder sind das perfekte Publikum“, schwärmt der Tübinger über seine neue Spielstätte. „Sie machen dir sofort klar, wenn sie etwas nicht gut finden.“ Konstantin Bez schätzt den intensiven Austausch. „Da spürt man die ganze Kraft des Theaters“, erklärt er, „Zuschauer und Darsteller können direkt miteinander kommunizieren und das Programm sofort verändern – anders als vor dem Fernseher.“ „Der kleine Ritter Trenk“ ist nicht nur der Einstand für Konstantin Bez, sondern auch für Regisseurin Katrin Hentschel. Seit August 2014 ist die gebürtige Berlinerin Oberspielleitern im Jungen Staatstheater an der Parkaue.

Zuschauer und Darsteller können direkt miteinander kommunizieren und das Programm sofort verändern, – anders als vor dem Fernseher.

Ein modernes Märchen fehlte noch auf dem Spielplan, deshalb hat sich Katrin Hentschel in ihrer ersten Regiearbeit das erfolgreiche Kinderbuch von Kirsten Boie vorgenommen. Dass Hentschels Sohn gerade im richtigen Alter ist, erleichterte die Entscheidung. „Wir haben das Buch vor zwei Jahren selbst gelesen“, berichtet die 47-Jährige und blickt dabei auf ihre Teetasse: Auf der ist ein Foto ihres Sohnes zu sehen, mit rotem Kopftuch als Rotkäppchen. Der Spaß am Schauspiel liegt in der Familie. Beeindruckt von dem Buch hat der Junge eine bunte Burg gemalt, mit Tu?rmen, Fahnen und Zugbru?cke. Zwei lanzenbewehrte Ritter blicken streng durch die Zinnen. Das Bild hängt nun in Hentschels Bu?ro. „Unser Bu?hnenbild sollte so einfach sein wie eine Kinderzeichnung“, erklärt Hentschel, „so leicht, wie sich Kinder eine ganze Welt erfinden.“ Die Vorlage ist guter Kinderstoff: Der Bauernsohn Trenk tauscht mit einem Freund, der gar nicht Knappe werden will, und gerät so immer tiefer in die Welt der Ritter und Gaukler. „Der Ritter Trenk ist ein klassisches Kinderbuch“, erklärt Katrin Hentschel. „Ein Junge betritt seine Traumwelt und findet sich dort zurecht. Dabei merkt er, dass dort nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint – zum Beispiel, dass auch starke Ritter manchmal furchtbar ängstlich sind.“

Das Stück richtet sich an Kinder ab fünf. Das ist selbst nach den Maßstäben des „Staatstheaters für junge Menschen“ ein junges Publikum. Aber schon nach den ersten Aufführungen war klar: „Die Drittund Viertklässler bleiben genauso dran“, berichtet Hentschel zufrieden. „Es passiert ja immer wieder etwas Neues.“ Die Inszenierung fördert die Fantasie nach Kräften. Um Pferde auf die Bühne zu zaubern, reichen dem Ritter Trenk ein Paar Stepptanzschuhe: Die Metallbeschläge klackern wie Hufe. „Man sieht sofort das Pferd, auch wenn es gar nicht da ist“, sagt Konstantin Bez. Sich auf ein imaginäres Ross zu schwingen, fällt ihm nicht schwer. „Auf der Bühne fühle ich mich oft wie ein Kind“, sagt der Nachwuchsschauspieler. „Deshalb mache ich diesen Beruf. Ich tue etwas, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Das machen Kinder die ganze Zeit.“ Dass die Illusion nicht erschreckend perfekt wird, dafür sorgt Katrin Hentschel. Zum Beispiel in der Gänsehaut-Szene, als Trenk und Mitstreiterin Thekla auf den Drachen treffen. Für seine Ritterprüfung soll Trenk ihn töten und die Zähne als Trophäe mitbringen. „In dem Moment, wo der Drache zum ersten Mal erscheint, sind alle überrascht und zweifeln ein bisschen, ob das Ungeheuer nicht doch echt ist“, berichtet Katrin Hentschel. Aber zwei Schauspieler agieren vorne an der Bühne und machen die Drachengeräusche. Auch die Kleinsten erkennen so, dass der Drache gespielt wird. „Das ist sehr beruhigend für Kinder“, sagt Katrin Hentschel. „Viele sind ja zum ersten Mal im Theater.“

Wir spielen mit den einfachsten Mitteln. Die Kinder sollen das Stu?ck sofort nachspielen können.

Auf diese Weise erleben die Kleinen nicht nur ein spannendes Abenteuer, sondern lernen auch viel u?ber das Theater selbst. Schulklassen können nach dem Stu?ck einen Workshop besuchen. Im Anschluss an das Stu?ck du?rfen sie Schauspieler, Bu?hnentechniker oder die Regisseurin mit Fragen löchern. Katrin Hentschel ist auf ihr neues Kinderpublikum gut vorbereitet. Schon als Sechsjährige hat sie selbst die „Schneekönigin“ im Theater an der Parkaue gesehen. „Genau kann ich mich an das Stu?ck nicht mehr erinnern“, gesteht Hentschel, „aber ich habe mich sehr gegruselt.“ An ihrer letzten Station in Freiburg im Breisgau hat sie zwar klassisches Theater fu?r Erwachsene gemacht. Auch dort hat sie ihr Gespu?r fu?rs Fantastische trainiert. Als Gastregisseurin inszenierte sie ein Wintermärchen in Konstanz, in Freiburg selbst hat sie im „Käthchen von Heilbronn“ nicht nur Schauspieler, sondern auch Puppen auftreten lassen. Käthchens Mutter, mit ernstem Schaumgummi-Gesicht und wallend weißem Tu?llgewand, hat sie nach Berlin begleitet und sitzt nun auf dem Bu?cherregal. Ihren Ritter Trenk hat Katrin Hentschel weit weniger aufwändig ausstatten lassen. „Wir spielen mit einfachsten Mitteln“, betont Hentschel. „Die Kinder sollen das Stu?ck sofort nachspielen können.“ Es endet mit einem fröhlichen Lied – und die größten Abenteuer fangen dann erst richtig an, sagt Katrin Hentschel. „Nach dem Trenk reiten die Kinder singend aus dem Theater in die wirkliche Welt zuru?ck.“

Der kleine Ritter Trenk

Ab 5 Jahren. Nächste Spieltermine:

  • 31. Dezember 2014 (18 Uhr)
  • 3. Januar 2015 (16 Uhr)
  • 29. Januar 2015 (10 Uhr)
  • 26. Februar 2015 (10 Uhr)

Für Schulen organisiert das Theater an der Parkaue Workshops zu seinen Stücken. Die Mitwirkenden stellen sich dann im Anschluss an die Vorstellung den Fragen der Kinder.  
Anfragen an das Theaterpädagogik-Team unter (030) 55 77 52 60 oder
tp@parkaue.de. Auch eine passende Kinderführung durch das Deutsche Historische Museum gibt es, der Titel: „Ritter, Burgen und Turniere".

Theater an der Parkaue, Parkaue 29, www.parkaue.de

Katrin Hentschel ist die neue Oberspielleiterin an der Parkaue. 1967 in Berlin geboren, studierte sie Schauspielregie an der Hochschule „Ernst Busch“. Zuvor arbeitete sie u.a. in Dresden, Göttingen und Freiburg im Breisgau. www.katrinhentschel.com

Ausweichquartier im Prater

Seit 1950 wird an der Parkaue Theater gemacht – Zeit für eine Sanierung! Im Hinterhof entsteht derzeit ein Neubau der Bühne 3, ab Sommer 2015 ist das Haupthaus an der Reihe. Ersatzspielstätte ist u.a. der Prater in der Kastanienallee. Prater, Kastanienallee 7-9